Auf dem Weg zur Wohnungstür

Ich liege im Bett. Wie jeden Abend fällt mir, gerade noch, bevor die Augen zufallen, ein, dass ich vorhin zu faul war das Rad hereinzuholen. Es könnte auch draußen stehen bleiben, denn es ist versichert, aber dann stände ich morgen früh mit verquollenen Augen vielleicht vor dem Straßenschild mit Bügelschloss ohne Fahrrad und müsste rennen, um noch pünktlich zu sein. Also muss ich jetzt noch raus, Jacke über den Schlafanzug, Treppen hinunter, alles still. Der

Zehn Kilometer München

Samstagmorgens um fünf Uhr dreiundzwanzig bin ich die einzige, die in Giesing vor dem Juweliergeschäft ihr Fahrrad vom Straßenschild entkettet und Richtung Schwabing fährt. Samstagsmorgens um fünf Uhr fünfundzwanzig fühlt sich Giesing nicht anders an als die Karl-Marx-Straße in Frankfurt (Oder). Hier und da fährt ein Taxi an mir vorbei, Menschen sehe ich keine. Noch nicht einmal die Taxifahrer. Samstag Morgen um fünf Uhr dreiunddreißig stelle ich mein Handyradio aus, weil es mich peinlich berührt,

Die Unvollendete

“Man lebt nur einmal. Wirklich? Ursula Todd kann ihr Leben wieder und wieder leben und so die Fehler, die sie macht, korrigieren. Sie glaubt, dass sie auf diese Weise das Schicksal für sich und ihre Familie zum Besseren wenden kann. Doch was ist ein perfektes Leben?” Der Klappentext von Kate Atkinsons “Die Unvollendete” klingt etwas dröge, weshalb ich mich vor anderthalb Wochen nicht wunderte, dass es ungelesen im Bücherschrank steht – höchstens, warum ich es

Montag

Wenn die Tür der U-Bahn endlich aufgeht, sind drei Minuten Zeit, um über zwei Treppen auf den Platz zu kommen, auf dem der Bus abfährt. Das heißt: vorne in die Bahn einsteigen, um auch vorne an der Rolltreppe herauszukommen, vor den Langsamen, die sie gleich verstopfen werden. Dann die Stufen im Laufschritt hinauf eilen, am Service-Häuschen vorbei nach links, der Atem geht schwerer. Dann die Steintreppe hinauf. Oben steht meist schon der andere Bus, aber

Nachdenken über Gedenkstätten

Gedenkstein in Treblinka Ich erinnere mich schemenhaft an eine Klassenfahrt nach Benediktbeuern, die uns auch einen halben Tag “nach Dachau” führte. Dachau meinte natürlich die Gedenkstätte. Es war wolkig, vor mir lag dieser riesige leere Platz, Gebäude mit Gedenktafeln und überall Leute, Leute, Leute und die Anweisung im Kopf, dass wir uns nur unwesentlich später, vielleicht nach zwei Stunden, vielleicht nur nach einer, wieder am Eingang treffen sollten. Es war meine erste Gedenkstätte und ich

Ida

Vor allem aus Sprachlerngründen kaufte ich mir vor kurzem in einem Wrocławer Supermarkt den Film “Ida”. Ansonsten wäre ich nicht auf die Idee gekommen auf gut Glück eine DVD zu erwerben, vor allem nicht eine mit einer Nonne auf dem Cover. Doch siehe da: dies ist ein ganz besonderer Film, einer von jenen, denen man an sich Unrecht tut, wenn man versucht Inhaltsangaben zu erstellen. Was besticht: die Atmosphäre und die Hauptcharaktere. Anna ist eine

Die Unverschämtheit des “30-Tage-Studiums”

Vor einigen Tagen erschien auf  ZEIT -Online ein Beitrag einer enttäuschten Absolventin der Asienstudien, die behauptet, sie hätte ihr Studium auch in 30 Tagen schaffen können, hätte es keine Anwesenheitspflicht gegeben. In Veranstaltungen habe sie generell nichts gelernt und die Dozierenden hielten Studierende für lästig und lernunwillig – so lässt sich die Position der Autorin grob zusammenfassen. Natürlich ist dieser Artikel mit Absicht überzogen geschrieben (oder meint sie die These, sie hätte das Studium auch

Neuanfang.

Manche Tage laufen so gut, dass sie kaum perfekter sein könnten – dennoch bin ich am Ende todtraurig. Heute war so ein Tag. Am Morgen wachte ich in einem mir noch fremdem Bett auf, duschte, packte meine Sachen und bekam von meiner Mitbewohnerin einen Milchkaffee gemacht, das Fahrrad und eine Umhängetasche geliehen und fuhr zur U-Bahn, mit dieser zum Historischen Seminar. Ich war gerade noch pünktlich, fast alle anderen auch, eine sympathische Gruppe, ambitioniert, interessiert.

Tränchen für Frankfurt (Oder)

Viele wollen so schnell wie möglich weg von hier, selbst, wenn sie noch nie da waren. Man tut der Stadt damit Unrecht und auch wieder nicht. Heute war ich in einem Haus, in dem das Dach zum Teil fehlte, weil es letzten Dezember gebrannt hat. Neben den verrußten und verkohlten Balken sah man in die Ferne auf die Stadt, grüne Bäume und den weiten Himmel. Frankfurt ist kaputt, aber manchmal hat man das Gefühl, als

Flieh. Und nimm die Dame mit.

In den letzten Jahren, um genauer zu sein: seit Beginn meines Studiums, war ich eine verzweifelte Leserin. Wenn ich einmal Zeit fand mir etwas anderes als die Pflichtlektüre zu Gemüte zu führen, langweilte ich mich oft schon nach wenigen Seiten. Die Verzweiflung schlich sich deshalb ein, weil ich mich jahrelang über das Lesen definiert hatte – und nahezu alles verschlang. Nun das: ich schien nicht mehr fähig zu lesen. Allerdings stimmte das zum Glück nicht,