Margaret Atwood: The Handmaid’s Tale

In diesem Text geht es um (sexuelle) Gewalt. Zugegeben: Ich bin nicht zufällig gerade jetzt auf gerade dieses Buch von gerade dieser Autorin gestoßen, ich bin mehrfach gestoßen worden. Erstens war da die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandelns an Atwood. Zweitens schaltete ich  sonntags das Radio an, und aus dem Radio kam Eva Menasses Stimme, die mir ihre Deutung von “The Handmaid’s Tale” nahebrachte. Am Ende sagte der Moderator etwas Zusammenfassendes, in etwa: Das

Zwei Welten

Es ist etwas passiert, aber ich weiß nicht was. Draußen rauscht der Bus mit Richtung Münchner Freiheit vorbei, drinnen rauschen die Gedanken mit Richtung dunkles Loch. Mein Körper ist nicht sicher, ob er existiert; meine Augen nicht, ob sie die Realität sehen oder ein 3D-Computerspiel. Wenn ich den Schlüssel in der Tasche spüre, ist er dann dort? Kaltes Metall, fest gedrückt, Schmerz in der Fingerkuppe, während ich die Wohnungstür hinter mir zuziehe um schnell vor

Balkon

Dreißig Zentimeter links und sechzig Zentimeter rechts von meinem Oberkörper ist Bambus am Gitter befestigt. Zehn Zentimeter vor meinen Füßen ist kein Gitter, darum auch kein Bambus, dort ist eine dicke Betonwand. An den Gittern und an der Betonwand hängen Blumenkästen. Ich sitze in meinem Sessel, den ich wie jeden Abend auf den Balkon getragen habe, rotes Polster unter mir, rote Decke auf mir und frage mich, was ich gerade mit meinem Leben mache. Wenn

Wo ist hier die Liebesgeschichte? (John Irving: Straße der Wunder)

Vor einigen Tagen griff sich eine Freundin, die gerade zu Besuch war, John Irvings Straße der Wunder kurz bevor ich es fertig gelesen hatte und zitierte (ausschließlich) dies vom Klappentext: “Und eine der überraschendsten und zärtlichsten Liebesgeschichten, die Irving je geschrieben hat.” Es war einige Zeit her, dass ich mir den Klappentext zu Gemüte geführt hatte und staunte. In die Kategorie “Liebesroman” hätte ich das Buch nicht sortiert. “Glauben, Sex, Verlust und Tod” (auch Klappentext),

Einer dieser Tage

Heute ist wieder einer dieser Tage. Es regnet seit dem Mittag, aber es könnte genauso die Sonne scheinen. Diesen Tagen ist das Wetter egal, sie brauchen keinen Anlass, um mein Hirn in undurchdringlichem Nebel verschwinden zu lassen. Draußen vor dem Fenster sind: der Baum, der derartig radikal beschnitten wurde, dass er wie tot aussieht; eine braune Biomülltonne, die in der engen Straße einen kurzzeitig freien Parkplatz blockiert; ein Plastikmüllsack am Zaun gegenüber. Jemand hat die

Zug

  Ich bin schon von Bremen bis Ingolstadt gekommen und niemand hat sich neben mich gesetzt. In Nürnberg ist die Gruppe ausgestiegen, die aus vielen Arzthelferinnen und einem Arzt mit Einzelplatz und Gleitsichtbrille bestand. Der Arzt stand immer so im Gang, dass niemand vorbei kam. Das ständige “Entschuldigung, könnte ich vorbei?” bekam er im ersten Versuch meist nicht mit. Irgendwann kehrte er resigniert zu seinem Einzelplatz zurück. Er hatte versucht sich in das Gespräch der