Über politische Korrektheit, Zensur und die Entdramatisierung durch das Hygiene-Museum #dmb18

Schiff in der Oberen Rathaushalle, das an das Bremer Kolonialerbe erinnern soll

Schiffsmodel in der Oberen Rathaushalle Bremen, das an die Kolonialgeschichte der Stadt erinnert

 

Über politische Korrektheit, Zensur und die Entdramatisierung durch das Hygiene-Museum #dmb18

Dies ist Teil II meiner Rückschau auf die Jahrestagung des Deutschen Museumsbunds 2018 in Bremen. Hier entlang zu Teil I: Roter Alarmknopf oder Flagge auf Halbmast: Nur eine Frage der musealen Haltung?

“Zensur” und “politisch korrekt” sind keine unschuldigen Begriff, auch nicht auf einer Museumstagung

Das zweite Panel am Dienstag stand unter dem Motto “politically correct vs. politically correct: Welche Werte vertreten wir eigentlich?”. Thematisiert werden sollte der Spagat zwischen verschiedenen, sich mitunter widersprechenden Ansprüchen – z. B. zwischen Denkmalschutz und Barrierefreiheit oder zwischen Respekt vor Religionen oder vor Frauen. Nicht bekannt war den Diskutierenden offenbar, dass “politisch korrekt” ein aufgeladener Begriff der Rechten ist und das Bemühen, Diskriminierungen zu reduzieren, diskreditiert. Stattdessen distanzierte sich eine der Podiumsteilnehmerinnen sogar von dem Ansinnen, politisch korrekt sein zu wollen. Aber fangen wir von vorne an.

Nach dem mit Fachbegriffen (“Affekt”) gespickten Vortrag von Dr. Hanno Rauterberg (stellv. Ressortleiter des ZEIT-Feuilletons) stellte jemand neben mir die Frage: “Und was war jetzt seine Aussage?” Dabei war sein Vortrag alles, nur eins nicht: ohne Haltung oder unpolitisch. Die Rede und auch die folgende Diskussion ließen zu Tage treten, dass die Stimmung der Einigkeit unter den Tagungsteilnehmer_innen vom Vortag überhaupt nicht mit der Realität überein stimmte. Die Aussage von Rauterberg war: Offenheit und die Ausstellung von “Subjektivität” in Museen hat ist gefährlich, weil so keine “kollektive” Repräsentation der Gesellschaft möglich sei. Oder etwas zugespitzter: Wenn weiße Künstlerinnen kein Bild über ein schwarzes Lynch-Opfer von Rassismus ausstellen dürfen, ist das egozentrisch und Zensur. Wenn ein Bild mit halbnackten Nymphen abgehängt wird, ist das egozentrisch und Zensur. Wenn die Kunsthalle Bremen in ihrer Kolonialismus-Ausstellung eine rassistische Beleidigung durch N*** ersetzt, dann ist das egozentrisch und Zensur. Ausführlich kann man Rauterberg dazu auch hier nachlesen.

Ich möchte kurz auf das dritte “Zensur”-Beispiel eingehen: Es war keine Zensur. Es war das Entfernen eines Begriffs, der schwarze Menschen beleidigt. Dieses Vorgehen der Kunsthalle sorgte u. a. dafür, dass von Rassismus betroffene Menschen nicht auch noch in einer Kolonialismus-kritischen Ausstellung damit konfrontiert werden. Selbstverständlich entspricht Diskriminierungsfreiheit unseren heutigen demokratischen Werten, müsste man meinen. Für Rauterberg ist dieses Vorgehen jedoch von einem “Affekt” (man kann auch einfach “Gefühl” sagen) gesteuert: Zugunsten der gefühlsbeladenen Betroffenheit einer kleinen Gruppe werde “Qualität” zensiert. Er war mit dieser Meinung nicht allein:

Rauterbergs hochgestochenes Abtun von antirassistischer Arbeit als “Affekt” und “ich-bezogen” diskreditiert die Ausstellungsmacher_innen als gefühlsgeleitete Egozentriker_innen, während Leute wie er die “Qualität” von Kunst und Kunstfreiheit sachlich bewahrten. Diskriminiert zu werden ist aber nicht nur ein “Gefühl”, das die Betroffenen haben, es ist ihre Realität, die sie ggf. als Aktivist_innen versuchen zu verändern. Rauterberg übersieht dabei, dass auch er subjektiv ist – z. B. auch seine Definition von “Qualität”. Er stört sich ohne sachliche Begründung daran, Beleidigungen nicht mehr nutzen zu dürfen. Das ist gefühlsgeleitet. Die Befreiung des Kulturbetriebs von Diskriminierungen ist keine Zensur, sondern die schon lange nötige Öffnung für Sichtweisen, die von der Mehrheitsgesellschaft abweichen.

 

Die Gegenwart unaufgeregt ins Museum holen: Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden

Umso reflektierter und sachlicher waren die Vorträge der Fachgruppe Geschichtsmuseen am folgenden Mittwoch. Ich möchte hier nur einen von dreien herausgreifen: Gisela Staupe (stellv. Direktorin des Deutschen Hygiene-Museum Dresden) sprach über die Herausforderung, aktuell brisante Themen auszustellen. Sie bezog sich dabei explizit nur auf ihr Haus. Ich denke aber, dass man die Grundlinien ihrer Museumsarbeit verallgemeinern und damit eine Entschärfung der oben geschilderten Zensur-Ängste vornehmen kann.

Das Deutsche Hygiene-Museum hat bereits 25 Jahre Erfahrung mit dem Ausstellen aktueller gesellschaftlicher Diskussionsthemen. 1993 griff es die damals virulente Abtreibungsdiskussion auf und machte daraus die Sonderausstellung “Unter anderen Umständen: Zur Geschichte der Abtreibung”. Das damals – neben der Presse – vor allem in Volkshochschulen diskutierte Thema um §218 war deswegen wichtig geworden, weil die Wiedervereinigung eine Vereinheitlichung der Gesetzgebung nötig machte. Das Museum wollte keine schlichte Wiederholung der Diskussion ausstellen, sondern stellte die Frage, wie Frauen historisch mit Abtreibung umgegangen waren. Damit beleuchtete es den Hintergrund der aktuellen Debatte. Gisela Staupe betonte, dass hinter dem letztlich schlichten Konzept eine lange Diskussion gestanden hatte. Das Ergebnis war eine unaufgeregte, d. h. sachliche, aber dennoch beklemmende Präsentation. Erst der letzte Raum der Ausstellung ging auf die damals aktuelle Diskussion ein. In der Mitte stand eine Frauenfigur, um sie herum waren die verschiedenen Positionen zur Abtreibung aufgebaut. Die Besucher_innen waren so in der Lage, sich ihre eigene Meinung zu bilden.

2014 konnte man im Hygiene-Museum die Sonderausstellung “Das neue Deutschland. Von Migration und Vielfalt.” besuchen. Obwohl in Dresden zu diesem Zeitpunkt kaum Migrant_innen lebten, sah sich das Museum in der Pflicht, eine deutschlandweite Debatte aufzugreifen und zu “entdramatisieren”. In der zusammen mit der Universität Konstanz erarbeiteten Ausstellung sollte die Dichotomie “wir und die anderen” aufgelöst und stattdessen nur noch von einem “wir” ausgegangen werden. Neben Daten und Fakten zur Einwanderung nach Deutschland machte das Hygiene-Museum Stimmen von betroffenen Menschen hörbar. Zudem agierte kein_e auktoriale_r Kurator_in, sondern ein ganzes Team, das aus verschiedenen Akteur_innen zusammengesetzt war.

Am 19. Mai 2018 wird im Hygiene-Museum schließlich die Ausstellung “Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen” eröffnet. Die Ausstellungskonzeption ging von zwei Leitthemen aus: 1. Warum ist das Thema wichtig für das Hygiene-Museum? Welche Haltung nimmt es dazu ein? und 2. “Rasse” als Begriff ist (zumindest in Deutschland) ein Tabu, die damit verbundenen Denkweisen sind allerdings nicht verschwunden. Der Ausgangspunkt der ersten Frage war, dass sich das Museum mit seiner eigenen Rolle zur “Rassenhygiene” im Nationalsozialismus auseinandersetzen wollte. Das Hygiene-Museum normalisierte in den 1930er und 1940er Jahren selbst z. B. mithilfe von rassistischen Bildern die Rassevorstellungen der Nationalsozialisten.  Interessant fand ich die Wahl der Ausstellungsarchitektur: Die vielen Kästen in der Ausstellung verweisen auf die wissenschaftliche Arbeitsweise, die gern kategorisiert und Dinge eben in Kisten steckt. Zudem findet sich in der Ausstellung eine Vitrine als Exponat, um auf den Effekt zu verweisen, den diese auf die Ausstellungsobjekte hat. Dadurch, dass die Ausstellung die historische Perspektive seit 1800 einnehme, so Staupe, sei es möglich, den “Blick auf die Diskurse der Gegenwart zu schärfen.”

Denn gleichzeitig handelt es sich bei Rassismus um ein aktuelles gesellschaftliches Thema. Wichtig war dem Museum darum zweitens, die Menschen einzubinden, die selbst rassistischen Erfahrungen ausgesetzt waren oder sind. Dazu veranstaltete das Museum Workshops und stand im ständigen Kontakt mit Expert_innen. Zitate dieser Arbeitsgruppe finden sich überall in der Ausstellung als Kommentar. Die größte Herausforderung, so Staupe, war hier, alle Stimmen zusammenzubringen. Sie sieht ihr Haus in dieser Hinsicht noch immer in einem Lernprozess. Staupe betonte, dass sie keine moralisierende Anti-Rassismus-Ausstellung erstellt hätten: Ihr Haus nehme in der Debatte eine Hierarchisierung der Stellungnahmen mit wissenschaftlicher Begründung vor. Geholfen habe bei dieser “Entdramatisierung” des Themas der historische Rückblick.

Der Umgang des Hygiene-Museums mit Themen der Gegenwart bietet sich meines Erachtens als Vorbild an, wie man mit emotional aufgeladenen Debatten der Gegenwart umgehen kann, ohne selbst zu moralisieren. Es holt externe Expert_innen ins Boot und reflektiert die eigene Vorgehensweise. Dabei stellt es jedoch nicht alle möglichen Meinungen unterschiedslos nebeneinander, sondern zeigt auf, was es aus wissenschaftlicher Perspektive für richtig hält. Es zeigt damit im besten Sinne Haltung als Museum, das einer demokratischen, vielfältigen Gesellschaft Mittel an die Hand gibt, sich eine Meinung zu bilden – ohne Zensur, aber (möglichst) diskriminierungsfrei.

 

Fazit

Ich war positiv überrascht von der Jahrestagung, insbesondere den kontroversen Diskussionen. Aus dem universitären Umfeld bin ich es gewohnt, dass hinter interessant klingenden Vorträgen und Diskussionsrunden zu häufig eine lahme Abhandlung steckt, die auch noch vom Titel der Veranstaltung abweicht. Nicht so hier: Genau wie das Podium diskutierte auch das Publikum im Saal während und nach den Veranstaltungen über die vielen nicht ganz einfach zu beantwortenden Fragen, mit denen Museen konfrontiert sind. Davon abgesehen habe ich viele interessante Menschen kennengelernt (u. a. eine Doktorandin meiner Alma Mater in Frankfurt/Oder) und tatsächlich drei ehemalige Kommilitonen_innen meines sehr kleinen Osteuropa-Studiengangs wiedergetroffen. Ich hoffe auf eine ähnlich anregende Erfahrung nächstes Jahr in Dresden!

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