Roter Alarmknopf oder Flagge auf Halbmast: Nur eine Frage der Haltung? #dmb18

Schiffsmodell in der Oberen Rathaushalle Bremen

 

Roter Alarmknopf oder Flagge auf Halbmast: Nur eine Frage der musealen Haltung? #dmb18

 

Vom 6. bis 9. Mai fand in Bremen die Jahrestagung des Deutschen Museumsbunds statt. Unter dem Motto “Eine Frage der Haltung. Welche Werte vertreten Museen?” kristallisierten sich schnell Rassismus und Kolonialismus als aktueller Themenkomplex heraus, zu dem sich Museen verhalten wollen bzw. müssen. Ebenso bestimmend war die Angst, von der Politik bald größere Einschränkungen zu erfahren. 

Passend dazu sprach am Montag als einer der ersten der ehemalige Direktor des Zweiter Weltkrieg-Museums in Danzig, Prof. Dr. Paweł Machcewicz. Machcewicz war vom liberalen Regierungschef Donald Tusk (PO) angeboten worden, seine 2007 in einem Zeitungsartikel veröffentlichten Idee eines Museums des Zweiten Weltkriegs umzusetzen. Der Kern dessen war eine Einbettung der polnischen Erfahrungen in die europäische Geschichte des Kriegs – also keine isolierte polnische Geschichte, um der neuen Zugehörigkeit Polens zur Europäischen Union Rechnung zu tragen. Zudem wollte er keinen Schwerpunkt auf Militärgeschichte legen. Machcewicz erhielt eine privilegierte Stellung; es war unmöglich, ihm als Direktor zu kündigen.

2015 begann die nun regierende rechtskonservative Partei PiS seiner Ausstellung Steine in den Weg zu legen. Dennoch schaffte es der Direktor, mit Hilfe von Klagen und unter enormen Zeitdruck – und weil er viele (Bau-)Verträge schon unterschrieben hatte, die nur mit riesigen finanziellen Verlusten hätten aufgekündigt werden können – seine ursprüngliche Ausstellung umzusetzen. Schließlich gelang es der PiS-Regierung, ihm trotz seines sehr sicheren Vertrags zu kündigen. Das erreichte sie durch ein kompliziertes Konstrukt: Machcewiczs Museum wurde offiziell abgeschafft, an gleicher Stelle entstand ein neues Museum, das einen neuen Direktor bekam. Auch Machcewiczs engste Mitarbeiter*innen verloren ihre Stellung. Bereits kurze Zeit später gestaltete die neue Leitung die gerade erst fertiggestellte Sonderausstellung im Sinne der Regierung um. Machcewicz bemüht sich momentan, das ‘neue’ Museum wegen Copy Right-Verletzungen zu verklagen, allerdings sind die Gerichte in Polen schon lange nicht mehr unabhängig. Es ist daher eher zweifelhaft, ob er Erfolg haben wird.

Besonders erstaunlich fand ich, dass einige, mit denen ich nach dem Vortrag sprach, noch nichts von dieser Geschichte gehört hatten. Ich bin aufgrund meines Studienfachs in einer Osteuropa-Blase unterwegs, aber ich war davon ausgegangen, dass Museumsmenschen sich auch damit beschäftigen, was mit ihren Kolleg*innen im Ausland passiert. Der Vortrag traf einen Nerv und wurde auch in den folgenden Diskussionen immer wieder als Warnung herangezogen – schließlich könnte sich auch die AfD bald stärker in die Kulturpolitik resp. die Vergabe von öffentlichen Geldern einmischen, auf die die meisten Museen angewiesen sind.

Was ist ein “politisches” Museum?

Nahtlos schloss sich hieran die erste Diskussionsrunde an, wie politisch ein Museum sein darf. Die einleitende Frage von Moderator Gregor Isenbort (Direktor der DASA Arbeitswelt-Ausstellung Dortmund) war allerdings nicht sonderlich gelungen, dieser Tweet des Museumsbunds dazu auch nicht:

Ganz so stimmt das nicht. Große Teile meiner Sitzreihe enthielten sich beispielsweise. Was soll das auch bedeuten – “politisch”? Gesellschaftliche Themen sind immer politisch, insofern müsste man sagen: Ja, Museen müssen am Puls der Zeit aktuell wichtige Themen verhandeln. Und ja: Sie müssen dabei eine Haltung einnehmen, zum Beispiel bei der Wahl der Kurator*innen, der Barrierefreiheit, der Themeneingrenzung. Andererseits bin ich der Ansicht, dass Museen sich bemühen müssen, möglichst sachlich zu arbeiten, um nicht nur ein bestimmtes Klientel zu repräsentieren. Auch, wenn Wissenschaft nicht per se neutral ist, sollten sie wissenschaftliche Standards einhalten. Museen müssen die Möglichkeit zur Meinungsbildung bieten und nicht eine bestimmte Meinung propagieren. Eine parteipolitische Ausrichtung lehne ich vollkommen ab. Trotz dieses unscharfen Begriffs (der in der folgenden Diskussion auch nicht geschärft wurde) hoben sich vor wie nach dem Panel sehr viele Hände (wenn auch nicht 398) für eine größere politische Rolle von Museen.

Ohne explizit die Frage nach dem eigenen politischen Bezug noch einmal zu stellen, gab Gisela Staupe vom Deutschen Hygiene-Museum in Dresden am folgenden Mittwoch meines Erachtens eine gute Richtlinie, wie Museen den Spagat zwischen gesellschaftlicher Aktualität und politischem Aktivismus schaffen können. Doch mehr dazu im zweiten Teil dieses Berichts.

Roter Knopf und Flagge auf Halbmast

Léontine Meijer-van Mensch, Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlin, eröffnete ihren Impulsvortrag mit dem Statement, dass Museen schon immer politisch gewesen seien – sie seien nur heute in der Position, diese Rolle anerkennen und mehr zeigen zu müssen. Es sei wichtig, den Besucher*innen zu vermitteln, dass Sammlungen einen durch Individuen und politische Umstände geprägten Charakter besäßen und damit nicht neutral seien. Als Beispiel zog sie den Direktor eines niederländischen Naturkundemuseums heran, der ihr gegenüber behauptet hatte, die Besucher*innen seines Museums seien z. B. an der Größe von Dinosaurierskeletten interessiert. Dass Tierskelette oft aufgrund kolonialer Ausbeutung in Museen gelandet seien, interessiere sie dagegen nicht. Meijer-van Mensch dagegen versteht Museen als “Diskursraum”, und zwar weniger als Vorreiter und mehr als Akteure eines gesellschaftlichen Wandels. Das Publikum müsse herausgefordert, ihm etwas zugemutet werden. So könnten Museen Räume sein, in denen Vergangenheit und Zukunft aufeinander träfen.

An der folgenden Diskussion nahmen neben Meijer-van Mensch Dr. Anita Auer (Franziskanermuseum Villingen-Schwenningen) und Dr. Sebastian Möllers (Schwedenspeicher Stade) teil. Auer hatte sich mit ihrem Museum dem Wunsch des Bürgermeisters widersetzt, in ihrem Museum eine von oben verordnete Kommunalidentität auszustellen. Der Bürgermeister hatte sich gewünscht, dass in einer Jubiläumsausstellung auf eine 1000-jährige Stadtgeschichte zurückgeblickt werde – Villingen-Schwenningen als Stadt existiert aber erst seit 1972. Das Franziskanermuseum erarbeitete schließlich eine Ausstellung des “reflektierten Ungehorsams”, die zwar eine 1000 Jahre alte Urkunde zeigte, aber kritisch auf die aktuelle Geschichtskonstruktion einging. Sebastian Möllers vom Schwedenspeicher dagegen hatte nicht “reflektiert ungehorsam” agiert, sondern eindeutig (Partei-)politisch, als er und sein Museum nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten eine Flagge (welche wurde nicht deutlich) vor dem Museum auf Halbmast setzten. Während Auer für ihre Lösung Anerkennung erhielt, wurde Möllers – meines Erachtens zu Recht – mehrfach kritisiert. Der Schwedenspeicher in Stade hat inhaltlich nichts mit den USA zu tun, was sollte also das Zeichen? Diese Frage konnte auch Möllers nicht zufriedenstellend beantworten. Zudem kam aus dem Publikum die Anmerkung, dass Museen andere Möglichkeiten als Flaggen haben, virulente gesellschaftliche Themen zu behandeln: langfristig durch Ausstellungen, kurzfristig durch Diskussionsveranstaltungen.

Die Furcht vor der AfD greift zu kurz, die Kritik an den eigenen Häusern muss vorher ansetzen

Beklagt wurde von Moderator Gregor Isenbort, dass Theatermenschen viel stärker in der Öffentlichkeit polarisieren dürften und mehr Aufmerksamkeit erhielten. Ich halte diesen Vergleich vor allem deshalb für nicht angebracht, weil Museen zumindest in erster Linie nicht künstlerisch, sondern wissenschaftlich tätig sind. Wiederholt sprachen die Diskussionsteilnehmer*innen in diesem Zusammenhang von der AfD: Was wäre, wenn jemand aus dieser Partei ein Museum leiten würde? Dann wären “wir” doch auch gegen politische Äußerungen? Mir ging diese Warnung nicht weit genug: Es braucht nicht erst die AfD, bevor man sich in Museen bewusst machen sollte, dass eine an die gesamte demokratische Öffentlichkeit gerichtete Institution möglichst sachlich zu agieren hat. Eine Aktion wie die des Schwedenspeichers – Sebastian Möllers würde sie nach eigener Aussage nicht wiederholen – verbietet sich da. Auch wunderte ich mich über das “wir” der Diskussion, das suggerierte, dass Museumsmenschen alle die gleiche politische Meinung verträten. Gerade in den folgenden Diskussionen wurde deutlich, dass dies keinesfalls der Fall war. Andererseits kommt es sehr stark auf das jeweilige Haus an, wie man agiert: Das Jüdische Museum Berlin muss allein aufgrund seiner Themen viel stärker politisch sein und wird auch politischer wahrgenommen. Léontine Meijer-van Mensch wies auf den Unterschied ihres Hauses zu anderen noch einmal hin, indem sie fragte, welches Museum außer dem ihrigen noch einen roten Alarmknopf besäße. Die Gefahr, angegriffen zu werden, ist an ihrem Arbeitsplatz immer mit dabei – und damit auch das Bewusstsein der gesellschaftlich-politischen Lage. Sie kann ihr Umfeld nicht ignorieren, es ist wichtiger Teil ihrer Arbeit.

Die Haltung eines Museums fängt im eigenen Haus an

Das zweite Montags-Panel leitete Prof. Dr. Klaus Vogel, Direktor des Deutschen Hygiene-Museums Dresden, mit einem Appell für Frauenquote, Barrierefreiheit, Offenheit für Menschen mit unterschiedlichen politischen Meinungen und für präventive Anti-Rassismus-Seminare für Museumsmitarbeiter*innen ein. In der folgenden Diskussion mit Dr. Heike Pöppelmann (Braunschweigisches Landesmuseum) und Dr. Patricia Rahemipour (Botanisches Museum Berlin) wurde allerdings auch deutlich, wie schwierig die Umsetzung dieser Forderungen zum Teil ist. So schilderte Patricia Rahemipour den Kampf für Barrierefreiheit insbesondere als Argumentieren gegen kleinschrittigen Denkmalschutz. Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer*innen, dass Museen in der Pflicht stünden, die Geschichte des eigenen Hauses aufzuarbeiten. Das Hygiene-Museum zeigt deshalb bald eine Sonderausstellung zum Thema Rassismus (s. unten). Rahemipour setzte sich in ihrem Haus für die Aufarbeitung der eigenen NS-Zwangsarbeit-Geschichte ein und erntete dafür unter ihren Kolleg*innen Gegenwind.

So interessant die Diskussionsrunde war: Hier saßen  die Leiterinnen und Leiter von Museen auf dem Podium. Was wohl die befristet bzw. schlecht bezahlten Angestellten zur “Haltung” des eigenen Hauses zu sagen gehabt hätten?

Ideenslam, oder: Wusstet ihr, dass es in Deutschland ein Panzermuseum gibt?

Der Dienstag begann mit einem Ideenslam, bei dem sich fünf “mutige” Museen präsentieren konnten. Dabei stachen für mich zwei kleine Museen besonders heraus: Das Schifffahrtsmuseum Flensburg (1,75 Stellen, davon 0,75 für Museumspädagogik), das von seiner Leiterin Susanne Grigull vertreten wurde, und das Hennebergische Museum Kloster Veßra, vorgestellt von seiner Direktorin Dr. Uta Bretschneider.

Grigull hatte u. a. aus Anlass der alljährlich stattfindenden Flensburger Rumregatta quasi im Alleingang eine Sonderausstellung zum Flensburger Kolonialerbe organisiert. Die Stadt sei im 18. und 19. Jahrhundert durch den Warenimport aus Westindien und der Karibik (beide unter dänischer Kolonialherrschaft) reich geworden, in der Stadt werde diese Geschichte jedoch nicht reflektiert. Als das Museum mit der Aufarbeitung begann, wurde ihm u. a. “Nestbeschmutzung” und die Verschlechterung des Verhältnisses zu Dänemark vorgeworfen. Grigull engagierte als Kuratorin die jamaikanische Wissenschaftlerin Dr. Imani Tafari-Ama, die besonders in der überregionalen Presse diskutiert  wurde, weil sie Kolonialismus in ihrer Ausstellung als “African Holocaust” bezeichnete. Davon abgesehen – ich finde die Bezeichnung unpassend, Genozid wäre meines Erachtens der angemessenere Begriff gewesen – ist es dem Museum hoch anzurechnen, dass es als quasi Ein-Frau-Unternehmen reflektiert eine Kuratorin anstellte, die sowohl eine Expertin des Kolonialismus, als auch selbst betroffen von Rassismus ist. Grigull bedauerte am Ende ihres Vortrags zwar, dass die Rumregatta dieses Jahr wieder unverändert stattfand. Allerdings hätten an anderen Orten der Stadt schon Diskussionen um rassistische bzw. die Kolonialzeit verharmlosende Bebilderungen und Benennungen Früchte getragen.

Uta Bretschneider vom Freilichtmuseum Kloster Veßra hat nicht mit kolonialem Erbe, sondern mit einer unguten Nachbarschaft zu kämpfen: In dem kleinen Dorf existiert seit einigen Jahren ein Nazi-Gasthaus (inkl. Führer-Schnitzel für 8,88 Euro). Der Inhaber organisiert riesige Neonazi-Rockkonzerte mit inzwischen 6000 Besucher_innen, 40 Prozent der Dorfbewohner*innen wählten die AfD und unbedarfte Besucher*innen des Museums geraten immer wieder in das Gasthaus. 2017 gaben die Behörden Wiesen des Freilichtmuseums als Parkplätze für die Neonazi-Konzerte frei. Wie soll sich ein Museum zu dieser Nachbarschaft verhalten? Bretschneider und ihr Team beantworteten dies für sich, indem sie sich vornahmen, nicht gegen die Nazis, sondern für die Gäste zu agieren: Die Bürger_innen des Ortes wurden stärker in die Museumsarbeit einbezogen, ihr Museum für Geflüchtete geöffnet und deren Themen stärker repräsentiert. Ich finde ein solches Agieren nicht ungefährlich und deswegen wirklich mutig.

Ich wusste nicht, dass es ein Panzermuseum gibt und die Website des Museums finde ich – vorsichtig gesprochen – auch nicht gerade überzeugend (inkl. militarisiertem Monopoly-Spiel im Fanshop). Der rhetorisch versierte Leiter Ralf Raths war als Vertreter eines “mutigen Museums” zugegen, weil er sich in seiner Funktion als Museumsdirektor kurz vor der Bundestagswahl gegen die Kyffhäuser-Rede von Alexander Gauland positioniert hatte. In seinem Beitrag plädierte er für Museen als Orte der demokratischen Pluralität; einer Pluralität, die Gauland und die AfD bekämpften.

Interessant waren auch die Präsentationen des Polizeimuseums Hamburg, das sich dezidiert als Ort der polizeilichen Selbstreflexion und Aufarbeitung versteht, und des ZKM Karlsruhe, das auch eher digital-ferne Menschen versucht in seinen großen Digitalschwerpunkt einzubinden.

 

Dies war Teil I meiner Rückschau auf die Jahrestagung des Deutschen Museumsbunds 2018 in Bremen. Hier geht es zu Teil II: Über politische Korrektheit, Zensur und die Entdramatisierung durch das Hygiene-Museum, der schildert, dass die gefühlte Einigkeit des ersten Tages trügerisch war.

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