Margaret Atwood: The Handmaid’s Tale

In diesem Text geht es um (sexuelle) Gewalt.

Zugegeben: Ich bin nicht zufällig gerade jetzt auf gerade dieses Buch von gerade dieser Autorin gestoßen, ich bin mehrfach gestoßen worden. Erstens war da die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandelns an Atwood. Zweitens schaltete ich  sonntags das Radio an, und aus dem Radio kam Eva Menasses Stimme, die mir ihre Deutung von „The Handmaid’s Tale“ nahebrachte. Am Ende sagte der Moderator etwas Zusammenfassendes, in etwa: Das ist eine ungewöhnliche Interpretation; nicht die Frauenperspektive steht im Zentrum, sondern das totalitäre System, in dem der Roman spielt. Drittens waren da die rechten Verlage auf der Buchmesse, die die Verantwortlichen nicht in ihre Schranken wiesen. Dieser Widerspruch, gleichzeitig einer lauten, demokratischen, antifaschistischen Autorin einen Preis zu verleihen und mit den Rechten Gewinn zu machen, hat mich aufhorchen lassen. Aber letztlich war es Menasses Rede, die mich das Buch hat kaufen lassen.

Es ist oft genug gesagt worden, das Frauenthema sei eines der Lebensthemen Margaret Atwoods. Ich halte dagegen. Durchaus aus eigener gelangweilter Erfahrung ist mir bestens bewusst, dass bei weiblichen Schriftstellern viel genauer auf das statistische Verhältnis zwischen Männer- und Frauenfiguren, Männer- und Frauenangelegenheiten geachtet wird. (…) Wer dann noch mit „Der Report der Magd“ einen Roman, ihren wahrscheinlich bekanntesten, geschrieben hat, der vermeintlich von der Unterdrückung der Frauen handelt – in Wahrheit handelt er vom Totalitarismus, dem aber die Frauen immer als eine der ersten zum Opfer fallen – , hat sich für die Frauenecke schon beinahe überqualifiziert.

Eva Menasse  

 

„Kontext ist alles.“

Mit dieser Perspektive habe ich das Buch gelesen; und sie hat Recht. Ja, die Frauen werden offensichtlicher und stärker unterdrückt, aber es sind auch nicht wenige Männer, die in Atwoods Erzählung dem System zum Opfer fallen. Nach einem Militärputsch werden Ehen, in denen ein Partner schon einmal verheiratet war, nicht nur ungültig; den Familien werden die Kinder weggenommen, die Partner getrennt und zur Zwangsarbeit oder zum Tod verurteilt. Ständig baumeln Leichen von Regimegegnern von einer Stadtmauer. Zudem gibt es auch Frauen, die das System stützen oder sogar formen. All das klingt schrecklich, wenn ich es so aufschreibe, aber es ist dennoch eine distanzierte Schilderung. Dieses System, in dem Frauen je nach Rolle in der Gesellschaft bestimmte Kleidungsfarben zugewiesen sind und in dem die Frauen in Rot (die „Handmaids“) allmonatlich zum Zwecke der Nachwuchszeugung von ihrem Hausherrn vergewaltigt werden – wie ist es entstanden? Wie funktioniert es? Wieso kann sich ein solches System halten? Und wie geht Atwood das Thema an, ohne sofort zu verschrecken?

Atwood wählt die Perspektive eines Individuums, das selbst neu in dieser Welt ist und erst Stück für Stück am eigenen Leib erfährt, wo es dort hinein geraten ist. Man erfährt erst nach und nach von diesem Mechanismus oder jenem, wenn die Protagonistin – eine Frau um die 30, deren Namen man nie erfährt – ihn selbst erlebt. Von dem ihr zugewiesenen Haushalt wird sie „Offred“ genannt. Bis kurz vor Schluss weiß man weder, wie ihr Name entstand, noch, wie sie es überhaupt schaffte, ihre Erinnerungen weiterzugeben, denn Lesen und Schreiben ist Frauen verboten. Dennoch klingt das, was sie erzählt, manchmal wie ein Tagebuch, manchmal, als wenn sie all ihre Erlebnisse auf einmal erinnert und festhält. Dann wiederum tauchen Passagen auf, in denen sie sich damit quält, einzelne schreckliche Szenen in ihrem Kopf zu wiederholen, damit sie es nicht vergisst. Die Erzählweise hat mich beeindruckt; besonders, nachdem ich am Ende genau wusste, wie sie entstand: Man kann es stellenweise erahnen, aber nie ganz herausfinden.

Mit der Ich-Erzählung der Protagonistin bricht Atwood erst auf den letzten 20 Seiten; und das allein ist schon ein genialer erzählerischer Schachzug. Denn eigentlich möchte man in dem Moment alles andere, nur keinen Perspektivwechsel. War ich zuvor begeistert von der Nähe zur Protagonistin und ihren Lebensumständen in einem totalitären Regime, hinterlässt dieser letzte Teil einen etwas schalen Beigeschmack. Er ist quasi-neutral gehalten; das, was wir zumal einen „wissenschaftlichen Stil“ nennen. Für mich ist er damit einerseits ein Verweis auf die Problematik eines Zeitzeugenberichts bzw. darauf, was fehlt, wenn man ihn nicht einordnet. Vielmehr aber ist er ein Hinweis an die (Geistes-)Wissenschaften, dass sie mit ihrer Methode zwar ein systematisches Verstehen möglich machen, aber kein emotionales – und was dadurch fehlt.

 

Eine Frau erzählt von der sich einschleichenden Machtlosigkeit

Die Protagonistin hatte in ihrem früheren Leben ein Kind und einen Mann. Die Familie versucht zu spät zu fliehen, aus einem Land, das einmal die USA waren. Sie haben nicht auf die ersten Warnzeichen gehört, weil sie nicht wahr haben wollten, was passiert – und vielleicht auch ein bisschen, weil der Mann der Protagonistin noch weniger versteht, was auf sie zukommen wird, als sie selbst. Er ist zunächst nicht selbst betroffen, weil er ein Mann ist. Seiner Frau aber wird gekündigt, ihr Bankkonto geschlossen und all ihr Geld auf sein Konto transferiert. Für mich ist es – trotz der vielen folgenden Schilderungen von physischer Gewalt – eine der schlimmsten Szenen, als sie den Gedanken weg drängt, dass sie ihm vielleicht nicht ganz trauen kann. Sie erklärt sich selbst für paranoid, aber ich denke, dass mehr für ein berechtigtes Misstrauen als Vertrauen ihm gegenüber spricht. Schon, als noch alles in Ordnung war, ist sie konstant gewarnt worden. Die Bemerkungen ihrer feministischen Mutter über ihren Mann schlägt sie in den Wind, weil die ihr auf die Nerven geht. Die Feststellung ihrer besten Freundin, dass man einem Mann, der seine Noch-Ehefrau mit ihr hintergeht, langfristig nicht trauen kann, ignoriert sie. Oder besser gesagt: Sie sieht das System dahinter nicht, sie sieht nicht, dass ihr Mann eventuell auch (zumindest ein wenig) so ist, wie die Männer, die sie nur aus den Nachrichten zu kennen meint: Männer, die ihre Frauen unterdrücken, Männer, die Frauen vergewaltigen.

Dann kommt der Moment, in dem das Regime unserer Protagonistin ihre wirtschaftliche Grundlage entzieht und sie ihrem Mann auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Sie ist am Boden zerstört ob ihrer neuen Situation. Er reagiert nicht nur völlig unempathisch auf die plötzliche Diskriminierung aller Frauen, sondern ignoriert auch, dass seine Frau in dieser Situation nicht mit ihm schlafen will. Er vergewaltigt sie. Selbst aus der Retrospektive, aus der sie diese Szene schildert, fällt das Wort Vergewaltigung jedoch nicht:

„We still have each other, I said. (…) He kissed me then, as if now I’d said that, things could get back to normal. But something had shifted, some balance. I felt shrunken, so that when he put his arms around me, gatherin me up, I was small  as a doll. I felt love going onward without me.“

Um zu merken, dass man selbst missbraucht wird, muss man wissen, wo Missbrauch anfängt, dass Missbrauch nicht nur von Fremden begangen wird. Und sie müsste sich eingestehen, dass auch die Person, die sie liebt, ihre Grenzen missachtet. Das tut sie nicht bis zu diesem Moment; vielleicht tut sie es in diesem Moment. Aber nun ist sie ihm ausgeliefert und kann sich nicht wehren. Dass die beiden samt Kind schließlich doch einen (misslingenden) Fluchtversuch wagen, liegt nach meiner Deutung eher daran, dass er einige Zeit später plötzlich auch von Diskriminierung betroffen ist: Da er in zweiter Ehe verheiratet ist, droht ihm die Auflösung seiner Familie und Zwangsarbeit in den „Kolonien“.

 

Leben als Zwangsprostituierte

 Offreds Rolle im neuen System ist die des Fußabtreters. Sie ist dazu da, einer in der Hierarchie hoch gestellten kinderlosen Familie Nachwuchs zu produzieren. Die Haushaltshilfen halten sie für unmoralisch und nutzlose Esserin. Die Frau des Hauses sieht in ihr (zurecht) eine Konkurrentin. Der Herr des Hauses muss sich theoretisch an ein Befruchtungszeremoniell halten und darf sie sonst nicht sehen; aber natürlich nützt er seine Macht auch außerhalb dessen aus. Sollte sie mit ihm allein erwischt werden, wird sie bestraft; er nur vielleicht. Sollte sie nicht schwanger werden, wird sie in die „Kolonien“ geschickt. Sollte sie nicht den Regeln gehorchen, kann es sein, dass sie öffentlich erhängt wird. Zu Beginn hält sie sich strikt an alle Regeln, aber dann sieht sie, wie man sich größeren Spielraum schaffen kann. Einen Moment, bevor alles kippt, scheint sie sich fast in ihrem Leben eingerichtet zu haben und wird unvorsichtiger.

„The Handmaid’s Tale“ treibt bestimmte Verhaltensweisen und Diskriminierungen, die ich auch im Alltag des Jahres 2017 deutlich sehe, dermaßen auf die Spitze, dass ihr theoretisches Potential voll sichtbar wird. Die Geschichte kontrastiert die Situation vor und nach dem patriarchalen Putsch und beweist, dass viele vermeintlich kleine Dinge eine Haltung offenbaren, die von Anfang an bekämpft werden muss: Intoleranz und Diskriminierungen, und mögen sie zuerst noch so nichtig erscheinen. Nicht umsonst sind auch in diesem fiktionalen totalitären System neben den Frauen verschiedene Glaubensgemeinschaften (allen voran die Juden) die ersten Opfer. Es ist am leichtesten, die zu entfernen, die in der Gesellschaft sowieso schon marginalisiert sind. Die Ausrichter der Buchmesse sollten vielleicht nicht nur Preise an Margaret Atwood verleihen, sondern ihre Bücher auch lesen, bevor sie das nächste Mal Verlage einladen, die Diskriminierungen und Marginalisierungen schleichend in der Gesellschaft normalisieren.

 

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