Juli Zeh: Unterleuten

“Für Kathrin waren die Abende Zeiten des Glücks. Sie liebte Bücher, besonders Romane, und unter den Romanen vor allem die dicken. In allen Büchern, die Kathrin kannte, war die Welt auf wunderbare Weise in Ordnung. Selbst wenn das Leben der Figuren auf katastrophale Weise schief ging, selbst wenn nach allen Regeln der Kunst gequält und gelitten wurde, so besaßen Qual und Leiden doch immer einen Sinn, und wenn keinen Sinn, dann immerhin Zusammenhang und folglich Bedeutung.” (S.355f)

Schon lange freute ich mich auf Juli Zehs “Unterleuten”, in dem ein brandenburgisches Dorf mit, um, gegen einen Windpark und sich selbst ringt. Ich freute mich auch noch, als ich die ersten Seiten hinter mir hatte, lachte, weil die menschlichen Motivationen hinter der Fassade so schonungslos zutage traten (meist hatten sie wenig bis nichts mit Windkraft zu tun). Dann blieb mir das Lachen im Halse stecken und nachdem ich fertig war, hatte ich eine Kralle im Herzen, weil die Bewohner_innen von Unterleuten eine sich so haarsträubend voneinander unterscheidende Sicht auf die Welt offenbarten, dass sie nicht zusammen kommen konnten. Soll es so sein? Ist dieser Roman das Gegenstück zu denen, die Kathrin Kron-Hübschke, eine der Protagonistinnen, in “Unterleuten” liest? Ist es das Gegenteil dessen, was ich bei Juli Zeh bisher so schätzte: dass das Buch komplett durchkomponiert Parallelen, Erklärungen, Spiegelbilder in sich und in der Weltliteratur aufzeigt?

“Unterleuten” ist Ada gewidmet, der Protagonistin aus Zehs 2004 erschienen Roman “Spieltrieb”. Und wenn man mag, kann man “Spieltrieb” genau so lesen, wie Kathrin Kron-Hübschke ihre Bücher liest: als Sinnsuche. Die jugendliche Ada sucht Antworten auf die großen Lebensfragen. Sie lässt sich auch aus diesen Grund in ein intellektuelles, aber grausames Spiel verwickeln. Daraus gehen am Ende zwar (mindestens) drei geschädigte Personen hervor, aber man kann den Schluss durchaus auch als Happy End lesen. Eben genau so, wie Kathrin Kron-Hübschke ihre Bücher liest: Auf Qual und Leiden folgen Sinn und Zusammenhang, die im eigenen Leben eventuell fehlen. Gleichzeitig kann man die Widmung als abgeklärte Antwort an Ada verstehen: Es gibt keinen Sinn im Leben, keine Wahrheit, keine einzelne Realität.

Denn das Leben in “Unterleuten” ist sinnlos. Das ist der Grund, warum Kathrin Kron-Hübschke sich abends in Bücher stürzt. Sie will gedanklich aus dem Dorf entfliehen, in eine sinnvollere Welt. Damit öffnet sich eine Metaebene für die Leserin, denn die benutzt ja “Unterleuten” ihrerseits gegebenenfalls als Flucht, die dann nicht aufgehen kann. Juli Zehs Ort kann man als Realitätsbeschreibung lesen, als brutal wirklichen Mikrokosmos aus Menschen, die schon seit Jahrzehnten Fehden hegen und solchen, die neu zugezogen sind und ebenfalls schnell Bündnisse und Gegner finden. Sinnvoll ist das alles in den seltensten Fällen; vielmehr scheint einer den anderen am laufenden Band sinnlos zu verletzen. Manche verstehen gar nicht, dass sie verletzen. Ist es das, was die Menschen machen, wenn sie mit ihrer jugendlichen Sinnsuche abgeschlossen haben? Das wäre ein Fazit, aus dem keine Hoffnung spricht, sondern ein Ordnungsruf an die Lesenden, dass die Welt nie so einfach ist, wie sie in Büchern erscheint.

Andererseits ist das Dorf nicht real, spätestens hier endet die brutale Lesart einer Realität, aus der man nicht fliehen kann. Der Name des Dorfs ist Sinnbild dessen, was dort passiert: Man ist zwar nicht “unter Wölfen”; aber “unter Leuten” zu sein, scheint keinen großen Unterschied zu machen. Auch die Dörfer rund herum haben Namen, die gut als Metaphern dienen könnten. Man kann sich genüsslich in seinen Lesesessel setzen und den Protagonisten dabei zuschauen, wie sie kämpfen. Auch, wenn diese Kämpfe sinnlos sind, bietet der Roman die Möglichkeit, Zusammenhang zu finden: den Dorfzusammenhang, in dem alle Protagonisten leben (mit eigener Soziologie, die die neu Hinzugezogenen zu entschlüsseln suchen); den historischen Zusammenhang der beiden Deutschlands – besonders die ehemalige DDR prägt das persönliche Miteinander; den Motivationszusammenhang, denn alle Dorfbewohner_innen begreifen den Ort als Mittel und Spielfläche zu ihrem persönlichen Lebenssinn.

Es gibt noch eine dritte Lesart. Auch diese kann man am Dorfnamen festmachen. Sie verwirrt endgültig, ob der Roman den Anspruch hat, die zusammenhanglose Realität darzustellen oder nicht im Gegenteil durch seine künstliche Überzeichnung der realen Sinnlosigkeit wieder Zusammenhang und Sinn verleiht: Dörfer in Brandenburg haben tatsächlich oft (witzige) sprechende Namen. Der Ortsname ist Metapher und realistische Nachbildung der Region in einem.

Fest steht jedenfalls, dass dieses große Thema, das über allem schwebt- wie wir die Realität wahrnehmen – einen Zusammenhang stiftet und zugleich verwirrt. Ohne Frage ist Juli Zeh wieder eine komplexe Geschichte gelungen; aber ein Jubeltext wird dies nicht. Denn je mehr ich las, desto mehr hatte ich den Eindruck, dass die Figuren nicht geliebt werden, sondern immer mehr zu Karikaturen ihrer selbst mutieren. Die Handlungen dieser Schablonen waren für mich emotional nicht mehr nachvollziehbar und damit fehlte mir der entscheidende Aspekt, warum ich Romane lese. Die Personen blieben hohl. Das war der Grund, warum ich so lange gezögert habe, etwas zu dem Buch zu schreiben: Ich bin mir nicht sicher, ob es so gewollt ist oder ob es an mir liegt.

 

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