Zwei Welten

Es ist etwas passiert, aber ich weiß nicht was.

Draußen rauscht der Bus mit Richtung Münchner Freiheit vorbei, drinnen rauschen die Gedanken mit Richtung dunkles Loch. Mein Körper ist nicht sicher, ob er existiert; meine Augen nicht, ob sie die Realität sehen oder ein 3D-Computerspiel. Wenn ich den Schlüssel in der Tasche spüre, ist er dann dort? Kaltes Metall, fest gedrückt, Schmerz in der Fingerkuppe, während ich die Wohnungstür hinter mir zuziehe um schnell vor 20 Uhr einen Liter Milch zu kaufen. Willkommen dahoam. In der Opernwohnung nebenan kondensiert das Putzmittel in der Flasche auf dem Küchenfensterbrett.

Neunzehnuhrfünfundvierzig. Ich laufe die Straße entlang, ignoriere den grinsenden Pizzabäcker („Wie geht es dir? Lange nicht gesehen!“), immer in Richtung Supermarkt. Wer sagt, dass man nicht in zwei Welten leben kann? Kann man: ziemlich lange, ziemlich gut. Nur ist wahrscheinlich jetzt, nach sieben Jahren, der Moment gekommen, in dem ich nicht mehr weiß, in welcher der beiden ich gerade bin. Wieso ist der Pizzabäcker so nett zu mir? Ich gehöre hier doch gar nicht her. Ich kann nicht fassen, dass ich auf dieser heißen Straße laufe, abends, nach einem kühlen, norddeutschen Morgen. Ich kann nicht glauben, dass ich wieder allein bin. Ich will nicht mehr allein sein, allein, wie all die Menschen hier, an deren Einzimmerwohnung Sonnenschirmbalkon ich vorbeigehe.

Da kommt mir ein Pärchen entgegen; schwarze Anzugshose, weißes Hemd (er, klassisch); geblümte Bluse, Stoffhose (sie, locker). Bald werden sie heiraten und Kinder bekommen, da bin ich sicher. Vielleicht sind sie es auch schon. Am Wochenende habe ich gesehen, gehört, gefühlt, wie Eltern auch zu ihrem Kind sein können. Am Wochenende habe ich zwei Menschen kennengelernt, die ich sofort ohne Wenn und Aber mochte und denen ich vertraute. Am Wochenende war plötzlich der Wunsch da, so etwas auch zu haben. Aber man wird unglücklich, wenn man sehnsuchtsvoll das anstarrt, was man (zumindest gerade) nicht haben kann.

Im Supermarkt ist es kühl und die Schlange endlos. In einer Woche werde ich mich wieder gewöhnt haben. Dann sind die Sonnenschirmbalkone das Paradies auf Erden, der Pizzabäcker ein netter Nachbar und St. Ursulas dunkles Läuten wiegt mich in den Schlaf.

Hoffentlich.

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