Balkon

Dreißig Zentimeter links und sechzig Zentimeter rechts von meinem Oberkörper ist Bambus am Gitter befestigt. Zehn Zentimeter vor meinen Füßen ist kein Gitter, darum auch kein Bambus, dort ist eine dicke Betonwand. An den Gittern und an der Betonwand hängen Blumenkästen. Ich sitze in meinem Sessel, den ich wie jeden Abend auf den Balkon getragen habe, rotes Polster unter mir, rote Decke auf mir und frage mich, was ich gerade mit meinem Leben mache. Wenn ich den Kopf ein ganz klein bisschen hebe, sehe ich meinen Enzianbaum vor den Laternenkabeln, hinter den Laternenkabeln ist das Terracotta des 60er Jahre-Baus von gegenüber.

Dort wohnen seltsame Leute. Ich meine direkt hinter dem Enzian, die Menschen in den mittleren Wohnungen. Die rechts und links haben sich komplett hinter zwei Schichten weißen Gardinen verbarrikadiert und öffnen sie nie (weder Gardinen noch Fenster). Also die Wohnungen in der Mitte: Sie sind mir fremd, gerade, weil ich ein bisschen Leben mitbekomme. Im vierten Stock sehe ich zwar nie jemanden. Von der Glasfront öffnet sich am Abend, spätestens um acht, die Mitte, die Tür, maximal 45 Grad. Zum Lüften? Vor der Tür hängt am Gitter ein einzelner weißer Blumeneimer, unbepflanzt. Durch den Türspalt sehe ich eine dieser weißen Ikeapapierlampen, sonst nichts, obwohl Licht brennt (nicht die Ikealampe). Eines nachts kam von dort herzzerreißendes Schluchzen (helle Stimme). Ich weine nicht und wenn, dann nicht so laut.

Im dritten Stock ist sonst abends auch Licht, es ist die Küche, viel Edelstahl und zwei Männer um die dreißig, einmal die Woche weiße Hemden zum Trocknen an der geöffneten Glastür. Außerdem zwei weiße, unbepflanzte Blumeneimer, nicht vor der Glastür, sondern vor dem rechten Glasteil der Fensterfront. Die beiden sehen nett aus, ich könnte nicht jeden Tag weiße Hemden in einer Edelstahlküche tragen.

Im zweiten Stock ist auch eine Küche, da wohnt ein einzelner Typ, vermutlich auch in den Dreißigern. Einmal habe ich sonntags morgens eine halbnackte junge Frau gesehen, dann wieder nur ihn (7/8 nackt) und sein Wäschechaos. Nicht nur er ist oft fast nackt, seine Küche auch. Einmal stand im Kühlschrank ein einsames Bier. Manchmal ist mein Kühlschrank auch fast leer, öfter aber mein Kopf.

Mein Körper ist schwer. Wenn ich jetzt aufstehen könnte, würde ich auch den ersten Stock sehen, aber dort mag ich nur den rötlich schimmernden Hund. Vor der Fensterfront steht eine japanische Wand, über die immer sehr viel Kleidung geworfen wird. Unter der Kleidung lugt die hässliche Pappe hervor, die beim Verkauf an solchen Wänden angebracht ist und die man normalerweise entfernt. Auf der Pappe ist eine halbnackte Frau abgebildet, die die Wand doch eigentlich verdecken sollte. Hinter der Wand brennt bis spät in die Nacht Licht.

Links neben meinem Enzianbäumchen, links neben dem Terracottahaus, ist eine Lücke in der Häuserwand. Dort schaue ich gern hin, denn dort ist Blau: der Himmel und für ein paar Minuten jeden Tag Orange, Rot, Rosa, Lila. Wenn ich den Kopf zurücklege, auf das rote Polster, sehe ich auch den Himmel, den über dem Terracottahaus, und die Antenne, die auf ihm und dem Haus rechts und links in die Höhe ragt. Ich kann die Wolken auch noch sehen, wenn der Himmel nicht mehr scheint. Unter mir laufen ab und an Menschen vorbei, ab und an stinkt es nach Abgas. Was mache ich gerade mit meinem Leben? In diesem Moment ist alles richtig.

 

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