Wo ist hier die Liebesgeschichte? (John Irving: Straße der Wunder)

Vor einigen Tagen griff sich eine Freundin, die gerade zu Besuch war, John Irvings Straße der Wunder kurz bevor ich es fertig gelesen hatte und zitierte (ausschließlich) dies vom Klappentext:

„Und eine der überraschendsten und zärtlichsten Liebesgeschichten, die Irving je geschrieben hat.“

Es war einige Zeit her, dass ich mir den Klappentext zu Gemüte geführt hatte und staunte. In die Kategorie „Liebesroman“ hätte ich das Buch nicht sortiert. „Glauben, Sex, Verlust und Tod“ (auch Klappentext), ja; aber wo findet der Verlag die Liebesgeschichte? Bei Juan Diego, der Hauptfigur, jedenfalls höchstens am Rande und in Form verpasster Chancen: Einerseits verliebt er sich in seiner Jugend in eine Hochseilartistin, die ihn allerdings auf Abstand hält, bevor sie von der Welt entschwindet. Andererseits ist da später seine Hausärztin, Dr. Rosemary, der er verpasst hat einen Antrag zu machen, bevor es jemand anderes tat. Aber auch die Beziehung zur Ärztin wird nur bruchstückhaft erwähnt, nimmt keinen großen Raum ein.

Ich hatte den Satz schon als Verlagsstrategie abgetan und wieder verdrängt, als mir etwas einfiel: Vielleicht ist nicht nur die Hauptfigur gemeint, vielleicht nicht nur die klassische romantische Zweierbeziehung.

Straße der Wunder begleitet den erfolgreichen, aber alternden Schriftsteller Juan Diego Guerrero zur Jahreswende 2010/11 auf eine Reise auf die Philippinen. Juan Diego lebt seit seiner Jugend in Iowa, aber die ersten 15 Jahre ist er in Oaxaca, Mexiko aufgewachsen. Genauer gesagt in Guerrero – daher stammt auch sein Nachname, den man ihm bei der Auswanderung verpasste. Juan Diego stellt direkt zu Beginn des Buchs klar, er sei kein US-Amerikaner mexikanischer Herkunft; er habe zwei getrennte Leben gelebt: eines in Mexiko, eines in den USA. In seinen detaillierten, klaren Träumen von der Vergangenheit aber, die er nur bekommt, wenn er seine Betablocker absetzt, dominieren die ersten Jahre. Sie haben ihn geprägt, nicht die viel längere Zeit in den USA: die Jesuiten, seine Schwester, die Mülldeponie und deren Leiter Rivera, seine Mutter, das spanische Kolonialerbe und ein Zirkus.

 

Oaxaca und die, die dort leben

Guerrero ist ein Ortsteil von Oaxaca, in dem nur Mitarbeiter der Mülldeponie leben. Juan Diego und seine Schwester Lupe wohnen in der Hütte des Deponiechefs, der (wahrscheinlich) der Vater von keinem der Geschwister ist, sich aber so verhält. Die Mutter der beiden, Esperanza, ist Prostituierte – niemand weiß so recht, wo sie wohnt, aber sie taucht von Zeit zu Zeit auf. Außerdem haben die Jesuiten von Oaxaca Esperanza im Versuch, sie von der Prostitution zu lösen, als Putzfrau angestellt. Funktioniert hat das offenbar nicht.

Oaxaca besteht aus einigen skurrilen Gruppen, die gleichzeitig die mageren Lebens- und Zukunftsoptionen für Juan Diego und Lupe repräsentieren. Da sind zum einen die bereits erwähnten Jesuiten, die, wie üblich, eine Schule und seit Beginn der 1960er Jahre auch ein Waisenhaus betreiben, das Heim der verlorenen Kinder. Der Katholizismus nimmt eine große Rolle im Alltag ein und so verwundert es zunächst kaum, dass es in Oaxaca gleich mehrere Marienvarianten gibt: die gewöhnliche, Unsere Liebe Frau von Guadalupe, die eine dunklere Hautfarbe hat und als die mexikanische Erscheinung Marias verehrt wird und die „Ortsheilige“ Unsere Liebe Frau von Soledad. Damit einher geht der katholische Konsum: Vor allem Plastikfiguren der Maria-Varianten scheinen ein gutes Geschäft zu sein. Etwas außerhalb der Stadt gastiert ein Zirkus, der, aufgrund seiner Hauptattraktion, einer blutjungen Hochseilartistin, nur „Das Wunder“ genannt wird. Schließlich besitzt Oaxaca neben einem Krankenhaus, das aber offenbar nur wenigen zugänglich ist, noch eine Party- und Prostitutionsmeile, auf der sich nicht nur die Einheimischen, sondern auch US-amerikanische Wehrdienstverweigerer herumtreiben und darauf warten, dass der Vietnam-Krieg zu Ende gehen möge.

 

Zwei mysteriöse Kinder

Juan Diego und seine Schwester Lupe sind gleichermaßen begabte und gebildete Kinder. Allerdings versteht niemand anderes als Juan Diego Lupe; viele denken, das Mädchen spreche gar nicht Spanisch – sondern vielleicht eine Indio-Sprache. Während Juan Diego sich selbst das Lesen und Englisch mit auf die Müllkippe geworfenen Büchern beibringt (hauptsächlich stammen die von den Jesuiten) kann Lupe Gedanken und in gewissem Maße auch die Zukunft lesen. Außerdem hegt sie – im Vergleich zu ihrem Bruder – eine wesentlich stärkere Abneigung gegen die Katholische Kirche im Allgemeinen und die Jungfrau Maria im Besondern. Hier sieht man auch schon, wo der Hase im Pfeffer liegt: „Lupe“ ist offensichtlich eine Abkürzung von „Guadalupe“, der wahren Schützerin von Mexiko, die die Katholiken für sich vereinnahmten. Lupe geht zudem wie selbstverständlich davon aus, Guadalupe und die „Soledad“-Maria seien nicht zwei Varianten ein und derselben Person (nämlich von Maria, der Mutter Jesu). Stattdessen seien es zwei völlig unterschiedliche Frauen und es bestehe eine Hierarchie zwischen den beiden. Für Lupe ist die riesige Marienstatue in der Basilica de Nuestra Senora de la Soledad jedenfalls keine Einheimische; vielleicht eine Spanierin. Die Maria-Statue in der Jesuitenkirche nennt sie daher schlicht „das Monster Maria“.

Juan Diego ist zudem nicht nur der Name unseres Protagonisten, sondern auch desjenigen Indios, der die Marienerscheinung von Guadalupe bezeugte. Wir haben es also nicht nur mit zwei einfachen mexikanischen Halbwaisen zu tun, sondern mit einer Verkörperung der Geschichte Mexikos: dem Kolonialerbe, der daraus entstehenden Hierarchie der Kulturen und der Rolle der Kirche. Guadalupe ist eine mystische Figur, wie auch die hellseherische Lupe eine ist. Und Juan Diego? Er entdeckt und übersetzt das, was sie sagt. Diese Doppeldeutigkeit macht die Geschichte interessant.

 

Mutter und Tochter

Juan Diegos Beweggrund für seine Reise auf die Philippinen 2010 liegt in eben dieser Vergangenheit im Mexiko der 1960er und 70er Jahre. Denn dort hatten sich die Geschwister mit einem jungen US-Amerikaner, dem guten Gringo, angefreundet. Dessen Vater war im Zweiten Weltkrieg auf den Philippinen gefallen – ein Grund, warum der gute Gringo sich weigerte, in Vietnam zu kämpfen und nach Mexiko floh. Allerdings war der gute Gringo stattdessen in Mexiko gestorben und hatte Juan Diego kurz zuvor noch das Versprechen abgenommen, für ihn das Grab seines Vaters auf den Philippinen zu suchen. Der Mittfünfziger Juan Diego tut dies nun – dass er damit keinen Erfolg haben wird, ist absehbar, weil niemand den richtigen Namen des guten Gringo kennt; geschweige denn den seines Vaters. Am vollkommen verschneiten  New Yorker Flughafen, von dem aus seine Reise starten soll, muss Juan Diego 27 Stunden warten. Nichts fliegt. Des humpelnden, herzkranken Manns nehmen sich zwei Frauen an, die offenbar nicht nur eingefleischte Fans des Schriftstellers sind, sondern auch dasselbe Reiseziel haben.

Es ist offensichtlich, was Irving mit diesen beiden von Anfang an vorhat, ich allerdings habe etwas länger gebraucht, bis ich es verstanden habe: Mutter Miriam hat den gleichen Blick wie die „Monster Maria“-Statue; Tochter Dorothy hat eine dunklere Hautfarbe und ähnelt Unserer Lieben Frau von Guadalupe. Gegen Ende des Buchs behauptet jemand, dass diese beiden niemals Mutter und Tochter sein könnten; sie sähen sich nicht ähnlich und der Altersabstand sei nicht groß genug. Juan Diego jedoch glaubt ihnen, dass sie Mutter und Tochter sind – und tatsächlich sind sie es ja irgendwie. Oder wie sollte man sonst das Verhältnis Unserer Lieben Frau von Guadalupe zur Jungfrau Maria beschreiben? Gleichzeitig stehen die beiden in einem Konkurrenzverhältnis zueinander. Beide wollen Juan Diego für sich gewinnen; beide tauchen plötzlich irgendwo auf und verschwinden dann wieder; beide schlafen mit Juan Diego. Und im Laufe des Buchs beginnt einerseits der Schriftsteller, andererseits die Leserin zu zweifeln, ob die beiden überhaupt existieren. Denn Juan Diego setzt mal aus Versehen, mal mit Absicht seine Betablocker aus und nimmt stattdessen übermäßig viel Viagra, sodass er immer wieder in Traumsequenzen seiner Vergangenheit landet und gleichzeitig aus der realen Welt entschwindet. Vielleicht hat er nur vom Sex (mal mit der Tochter, mal mit der Mutter) geträumt? Zwar interagieren die beiden Frauen auch mit anderen Menschen, aber irgendwann entdeckt Juan Diego, dass man sie weder auf Fotos noch in Spiegeln sehen kann.

Der Übergang von real zu mystisch ist schleichend und als er ganz vollzogen ist, endet die Geschichte mit einem seit Beginn des Buchs angedeuteten Ereignis in der Kirche Unserer Lieben Frau von Guadalupe auf den Philippinen.

Liebesgeschichte

Zurück zur Behauptung des Verlags, es handele sich um eine Liebesgeschichte. Liebt Juan Diego die beiden – Mutter und Tochter? Er ist fasziniert von ihnen, ja. Er schläft mit ihnen, aber von Liebe kann keine Rede sein. Oder vielleicht doch? Wen liebt Juan Diego überhaupt? Seine Ärztin, seine Mutter, den Jesuitenbruder Pepe, seine Adoptiveltern Flor und Edward und vor allem seine hellseherische Schwester Lupe. Lupe wiederum liebte ihn so sehr, dass sie alles tat, damit ihr Bruder Mexiko, das für ihn keine Zukunft bot, verlassen konnte. Seine Adoptiveltern liebte er, sie liebten ihn und sie liebten sich. Seine Ärztin liebt ihn vermutlich auch, hat sich aber gegen ihn entschieden. All diese Menschen, das ist von Anfang an klar, sind nicht (mehr) bei ihm. Wer bei ihm ist, das sind ein ehemaliger Student und die beiden Frauen, die er vielleicht doch nicht gerade erst kennengelernt hat, da sie ihn schon sein ganzes Leben lang begleiten. Auch, wenn Juan Diego ein erklärter Gegner der Katholischen Kirche ist: An Übernatürlichkeit glaubt er sehr wohl, wie jede einzelne Person in diesem Buch. Sie alle lieben die magischen Momente in ihrem Leben und noch viel mehr das Leben selbst. Also ja: eine „zärtliche Liebesgeschichte“, nämlich eine Liebeserklärung an das Leben, die steckt in diesem Buch. Außerdem ist es ein erzählerisches Meisterwerk, in dem jedes einzelne Ereignis mit gewitzter (und witziger!) Sorgfalt angekündigt ist, ohne der Geschichte ihre Spannung zu nehmen und das ich getrost noch ein zweites Mal werde lesen können, ohne, dass es langweilig wird.

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