Zug

 

Ich bin schon von Bremen bis Ingolstadt gekommen und niemand hat sich neben mich gesetzt. In Nürnberg ist die Gruppe ausgestiegen, die aus vielen Arzthelferinnen und einem Arzt mit Einzelplatz und Gleitsichtbrille bestand. Der Arzt stand immer so im Gang, dass niemand vorbei kam. Das ständige „Entschuldigung, könnte ich vorbei?“ bekam er im ersten Versuch meist nicht mit. Irgendwann kehrte er resigniert zu seinem Einzelplatz zurück. Er hatte versucht sich in das Gespräch der Arzthelferinnen einzumischen, war aber an den Themen und wahrscheinlich auch an seinem Stehplatz gescheitert. Vom „Bachelor“ hatte er offenbar noch nie etwas gehört, ich warf ihm ein aufmunterndes Lächeln zu und fragte mich, ob er sich einsam fühlte.

Ich fühlte mich einsam, aber dass sich jemand neben mich setzte, sollte die Sache nur noch schlimmer machen. Hinter Nürnberg befanden sich im Abteil wenige Herren im Anzug und ich. Sie ließen sich recht einfach ignorieren. Kirchen, Dörfer und Felder passierten, bevor in Ingolstadt die Frau im Kostüm einstieg, die sich in diesem halbleeren Waggon neben mich setzt. War es unhöflich zu sagen: Entschuldigen Sie, würden Sie sich bitte woanders hinsetzen? Ich hätte gern meine Ruhe. Es war nicht sehr unhöflich, trotzdem traute ich mich nicht, was ich sofort bereuen sollte. Die Fahrt hatte mich emotional mehr nieder gedrückt als gedacht, kehrte ich doch zurück in die Stadt zu dem Job, der mich nachts schweißgebadet aufwachen ließ.

Die Frau im Kostüm markierte mit einem gelben Stift Preise dreier Umzugsunternehmen, dann klingelte ihr Telefon und ich verstand, dass sie die gleiche Arbeit machte wie ich: Sie trug den Herren im Anzug den Hintern hinterher. Dafür hasste ich sie so sehr, dass ich mich kaum mehr halten konnte und begann mit den Füßen zu wippen. Der Endbahnhof wollte und wollte nicht näher kommen und mittlerweile hatte die Frau dafür gesorgt, dass irgendein hochgestellter Anzugstyp mit Informationen und Durchwahl eines anderen Anzugstyps versorgt war. Dann widmete sie sich wieder den Umzugsunternehmen, bis das Telefon erneut klingelte und sich herausstellte, dass der erste Anzugstyp ein Detail vergessen hatte und nachfragen musste.

In diesem Moment konnte ich nicht anders als der Frau das Handy aus der Hand zu reißen, mich an ihr vorbei zu drängeln, den Gang hinunter zu rennen, die Toilettentür hinter mir zu verschließen und das Ding herunterzuspülen. Ich konnte nicht anders, musste zerstören, was mich zerstörte. Aber ich tat es nicht. In München am Bahnsteig 14 trat ich einem der Anzugstypen wie aus Versehen auf den Fuß. Dann begann ich zu rennen.

 

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