Auf dem Weg zur Wohnungstür

Ich liege im Bett. Wie jeden Abend fällt mir, gerade noch, bevor die Augen zufallen, ein, dass ich vorhin zu faul war das Rad hereinzuholen. Es könnte auch draußen stehen bleiben, denn es ist versichert, aber dann stände ich morgen früh mit verquollenen Augen vielleicht vor dem Straßenschild mit Bügelschloss ohne Fahrrad und müsste rennen, um noch pünktlich zu sein. Also muss ich jetzt noch raus, Jacke über den Schlafanzug, Treppen hinunter, alles still. Der Mond lugt hinter dem Haus an der Straßenecke hervor und scheint auf das schmiedeeiserne Balkongeländer. Auf der Straße kommt mir eine Frau entgegen, die laut vor sich hinredet – ach nein: in ein Telefon. Während ich das Bügelschloss aufschließe, spüre ich, dass ich diese Leute abgrundtief hasse. Eine klare Nacht, ruhig, friedlich, dann biegen sie um die Ecke, um die Gegend vollzubrüllen. Ich schiebe das Rad zur Haustür, die telefonierende Frau steht drinnen und leert ihren Briefkasten. Ich kann sie hören und will nicht hinein; da sieht sie mich und hält mir die Tür auf, weiterredend. Ich sage: „Danke, das wäre nicht nötig gewesen“, aber ich glaube nicht, dass sie mich gehört hat. Bürgerliche Wohnviertel mit antrainierter Höflichkeit haben nichts Nettes. Ein paar Minuten später im Aufzug aus der Tiefgarage nach oben, das Rad ist ordnungsgemäß angeschlossen, ahne ich, dass ich die Kabine gleich werde teilen müssen. Im Erdgeschoss steigt eine Parfümwolke ein und meine Schlafanzughose leuchtet noch blauer als sowieso schon. Meine Haare wuscheln um mein Gesicht. Die Parfümwolkenfrau lächelt, ihr kann ich beim besten Willen keine Bösartigkeit unterstellen. Zurück im Bett verfalle ich in einen unruhigen Schlaf.

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