Zehn Kilometer München.

Samstagmorgens um fünf Uhr dreiundzwanzig bin ich die einzige, die in Giesing vor dem Juweliergeschäft ihr Fahrrad vom Straßenschild entkettet und Richtung Schwabing fährt. Samstagsmorgens um fünf Uhr fünfundzwanzig fühlt sich Giesing nicht anders an als die Karl-Marx-Straße in Frankfurt (Oder). Hier und da fährt ein Taxi an mir vorbei, Menschen sehe ich keine. Noch nicht einmal die Taxifahrer. Samstag Morgen um fünf Uhr dreiunddreißig stelle ich mein Handyradio aus, weil es mich peinlich berührt, wenn der mir entgegenkommende Typ mit Wollmütze mitbekommt, dass ich mich einsam fühle. Der Akku hat noch zehn Prozent und ich noch achtkommadrei Kilometer vor mir.

Giesing ist gar nicht so schlimm. Wäre ich mit der U-Bahn zurückgefahren, hätten dort unten sicher schon die ersten gesessen, die auf ein Transportmittel warten. Unter der Stadt leben nachts mehr Menschen als über ihr. Unter der Stadt ist es auch hell. Hier oben leuchtet der Himmel noch nicht und ich frage mich, ob die beiden, die eben auf der Party noch Händchen gehalten haben, inzwischen zur Sache gekommen sind. Um fünf Uhr siebenundvierzig fahre ich aus Trotz über eine rote Ampel. Ein Taxi hupt.

Was wäre passiert, wenn ich geblieben wäre? Auf dem Odeonsplatz steht eine rauchende Frau, lächelt mich an und hebt die Hand zum Gruß. Ich grüße zurück und schalte in den fünften Gang. Nichts wäre passiert. Sankt Ursula läutet zur sechsten Stunde.

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