„Man lebt nur einmal. Wirklich? Ursula Todd kann ihr Leben wieder und wieder leben und so die Fehler, die sie macht, korrigieren. Sie glaubt, dass sie auf diese Weise das Schicksal für sich und ihre Familie zum Besseren wenden kann. Doch was ist ein perfektes Leben?“

Der Klappentext von Kate Atkinsons „Die Unvollendete“ klingt etwas dröge, weshalb ich mich vor anderthalb Wochen nicht wunderte, dass es ungelesen im Bücherschrank steht – höchstens, warum ich es überhaupt gekauft hatte.

Da ich aber an diesem Tag schlechte Laune hatte und kein Buch das richtige zu sein schien, begann ich eben wahllos in der Sonne sitzend von einer verschneiten Nacht 1910 in einem Dorf kurz vor London zu lesen. Diese Nacht, in der Ursula geboren wird, begleitet durch das ganze Buch. Interessant bleibt die Szene, weil man jedes Mal ein neues Detail erfährt; manche Verläufe ändern sich auch minimal. Was machen ihre beiden Geschwister in dieser Nacht? Warum hat das Hausmädchen Bridget Angst vor Geburten? Ist ihr Vater zu Hause oder in Paris? Beim ersten Versuch stirbt Ursula schon bei der Geburt, weil sich die Nabelschnur um ihren Hals wickelt und sie erstickt. Weder Mutter Sylvie noch Bridget wissen sich zu helfen; die Hebamme steckt wegen des Schnees in irgendeinem Pub fest. Die nächsten Male legt Sylvie, ohne zu wissen warum, eine große Schere neben ihrem Bett bereit, die entweder sie selbst oder der statt der Hebamme herbeigerufene Arzt benutzt, um Ursula atmen zu lassen.

Das eigentlich Interessante an der Geschichte ist aber, dass anders als im Klappentext angedeutet, Ursula keinesfalls weiß, dass sie jederzeit neu anfangen kann. Sie bemerkt lediglich, dass sie unverhältnismäßig viele Déjà-vus erlebt und starke Angst vor möglichen Gefahren hat – die sie teilweise nur erahnt und versucht zu umgehen. Ihre Tante Izzie findet den Spleen cool, weil sie selbst aus der Rolle fällt, die man ihr eigentlich zugedacht hat. Ihrer Mutter Sylvie macht er Sorge, weil Sylvie die meisten Dinge, die von der Norm abweichen, nicht akzeptiert. Ihr Bruder Teddy und ihre Schwester Pamela lieben sie so, wie sie ist und ihr Psychologe Dr. Kellet, zu dem ihre Mutter sie schickt, um sie zu „reparieren“, erklärt ihr die buddhistische Lehre von der Wiedergeburt.

Durch die Änderung kleiner Entscheidungen läuft Ursulas Leben in vollkommen unterschiedlichen Bahnen. Sie schubst Bridget die Treppe hinunter, weil sie spürt, dass das Hausmädchen auf keinem Fall mit ihrem Freund zu einer Feier gehen darf. Denn das erste Mal, als diese Situation auftaucht, sterben Bridget, Ursula und ihr kleiner Bruder Teddy an der spanischen Grippe, mit der sich Bridget bei ihrem Freund angesteckt hat. Sie sorgt dafür, dass das Nachbarsmädchen Nancy nicht allein Eichenblätter sammeln geht, denn ansonsten würde sie ermordet werden. Und schließlich setzt sie sich schon beim ersten mehr oder weniger unfreiwilligen Kuss vorbeugend gegen den übergriffigen Freund ihres Bruders Maurice zur Wehr, der sie in einer anderen Version ihres Lebens einige Monate später vergewaltigt und schwängert.

Gerade diese Szene hat mich sehr erschüttert und zeigt, was ein Leben komplett zerstören kann. Ursula ist nicht aufgeklärt. Als sie ahnt, dass sie schwanger ist, fährt sie zu Tante Izzie, die mit ihr eine illegale Abtreibung unternimmt. Sylvie hasst ihre Tochter daraufhin. Ursula wird nicht umsorgt, sondern hat „Schande“ über die Familie gebracht und wird möglichst schnell von der Schule genommen und in einen Stenographie-Kurs gesteckt. Ursulas Job als Sekretärin ist für die intelligente junge Frau unterfordernd. Zudem war ihr nicht klar, dass Abtreibung die Tötung ihres Kinds bedeutet. Sie fängt an zu trinken, dann läuft sie einem Geschichtslehrer in die Arme. Knall auf Fall heiratet sie ihn um ihrem langweiligen Gefängnis zu entkommen. Doch er stellt sich als Lügner, Pedant und, als sie seine Autorität in Frage stellt, gewalttätiger Mensch heraus, der ihrem Leben ein Ende bereitet.

Die unterschiedlichen Wege, die Ursulas Leben nimmt zeigen, dass Geschichte kein Selbstläufer ist – es gibt immer andere Optionen. Einmal strandet Ursula in Deutschland und stirbt mit ihrem Kind dort während des zweiten Weltkriegs. Dann wiederum arbeitet sie (ohne Kind) in den 1940ern in London, wo sie mehrfach auf unterschiedliche Weise im Bombenterror umkommt. Ein wenig ist ihr Leben auch wie ein Computerspiel, bei dem sie immer bis zu einem gewissen Level kommt, um dann wieder von vorn anfangen zu müssen. Gleichzeitig ist das Buch eine eindrückliche, glaubwürdige und gut recherchierte Alltagsgeschichte während der beiden Weltkriege. Ursula ist die Identifikationsfigur, die Wiederholungsschleifen sind kein reiner Selbstzweck. Sie zeigen unterschiedliche Lebensschicksale, die zu dieser Zeit möglich waren – nur eben in einer Figur vereint. Zudem lernt man die Personen des Romans durch verschiedene Grenzsituationen sehr viel besser kennen. Die Bevorzugung des kleinen Bruders Teddy durch Mutter Sylvie erscheint zunächst harmlos. Sylvies Reaktionen auf Ursulas Vergewaltigung oder auch Teddys Tod zeigen jedoch, dass Teddy der eigentliche Sinn ihres Lebens war – die anderen Kinder sind eher unwichtig bis lästig.

Was jedoch auch von Ursula nicht geändert werden kann, ist Hitler. Irgendwann entschließt sich Ursula, den Zweiten Weltkrieg zu verhindern, indem sie Hitler ermordet. Doch so oft sie es versucht: es schlägt immer fehl. Entweder verstehe ich den Sinn dieser Anfangs- und Endszene des Buchs nicht oder sie ist einfach eine schlechte Ausrede. Denn was würde passieren, wenn Ursula Hitler tötet? Schafft dann jemand anderes einen ähnlichen Aufstieg? Kommt es zum Krieg? Um die Beantwortung dieser Fragen drückt sich die Autorin geschickt herum. Meines Erachtens hätte sie das eleganter tun können, indem sie diese Szene einfach weggelassen hätte. Ursula ist nicht für alles verantwortlich.

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