Nachdenken über Gedenkstätten

Gedenkstein in Treblinka

Ich erinnere mich schemenhaft an eine Klassenfahrt nach Benediktbeuern, die uns auch einen halben Tag „nach Dachau“ führte. Dachau meinte natürlich die Gedenkstätte. Es war wolkig, vor mir lag dieser riesige leere Platz, Gebäude mit Gedenktafeln und überall Leute, Leute, Leute und die Anweisung im Kopf, dass wir uns nur unwesentlich später, vielleicht nach zwei Stunden, vielleicht nur nach einer, wieder am Eingang treffen sollten.

Es war meine erste Gedenkstätte und ich fühlte den inneren Druck (von mir selbst?) betroffen, ja angefasst sein zu müssen – sonst nichts. Diese Hütten sagten mir nichts, mein Kopf konnte schon nach wenigen Zeilen nichts mehr von den Gedenktafeln aufnehmen und ich fand mich nicht auf dem Gelände zurecht. Für mich war es ein absolut bedeutungsloser Ort, der im drastischen Kontrast zu dem stand, was ich über den Nationalsozialismus gelernt hatte.

Ich schilderte diese Erinnerung Jürgen Zarusky in einer Gesprächsrunde nach seinem Vortrag vor einer Gruppe Studierenden über die harten Kämpfe, die für den Aufbau von Gedenkstätten und Aufarbeitung im Umkreis München ausgefochten wurden und teils noch werden. Zarusky meinte dazu, Lehrer_innen emotionalisierten allzu oft statt Schüler_innen Fakten zu vermitteln. Vielleicht war meine Hartnäckigkeit an der Stelle unangebracht. Im Nachhinein habe ich sogar sehr deutlich diesen Eindruck; schließlich saß da jemand vor mir, der sich unglaublich um Aufarbeitung bemüht hatte – was machte es da aus, ob jede Schülerin die Gedenkstätte Dachau als sinnvoll begriff? Ging es nicht viel mehr darum, das vor aller Augen fest zu zurren, was allzu gern vergessen worden wäre?

Aber mir reichte das alles nicht. Aus dem Gedächtnis schilderte ich die Erfahrung der Dachau-Überlebenden Ruth Klüger, von der ich bei Aleida Assmann gelesen hatte, hier das Originalzitat:

„Da war alles sauber und ordentlich, und man brauchte schon mehr Phantasie, als die meisten Menschen haben, um sich vorzustellen, was dort vor vierzig Jahren gespielt wurde. Steine, Holz, Baracken, Appellplatz. Das Holz riecht frisch und harzig, über den geräumigen Appellplatz weht ein belebender Wind, und diese Baracken wirken fast einladend. Was kann einem da einfallen, man assoziiert eventuell eher Ferienlager als gefoltertes Leben.“1

Ich bezweifelte in diesem Moment den Sinn dieser Touristenorte, an denen kaum mehr wirklich etwas zu finden ist von dem, was hier tatsächlich passiert ist. Assmann nennt es Musealisierung, Klüger spricht von Zeitschaft: zu einer bestimmten Zeit war an diesem Ort etwas, aber es ist nicht mehr da. Es ist überdeckt von etwas Neuem. Dieses Neue ist auch deshalb nicht wie das Alte, weil es statisch ist.

Andererseits.

Andererseits hat der Ort des Vergangenen eine besondere Bedeutung, weil er ein Beweisstück ist. Er holt das Vergangene aus der Welt der Fiktion in die Realität: hier war es, nirgendwo anders; an dieser Stelle – es kann vielleicht auch nur so und nicht anders passiert sein, weil die örtlichen Begebenheiten nur bestimmte Optionen zulassen. Man bekommt einen anderen Überblick über Zusammenhänge und das, was gleichzeitig nebenan vielleicht noch passiert ist. „Auschwitz ist keine Metapher und nicht nur Symbol für etwas. Das Tor von Birkenau ist der Ort, an dem das Unfaßbare geschah, mitten in Europa.“2 Karl Schlögel plädiert dafür, den Ort intensiv zu nutzen; aber auch kein eigenes Dogma daraus zu machen und sich wieder nur darauf zu konzentrieren. Und eben auch dafür, das zu machen, was ich als Schülerin in Dachau nicht schaffte, wohl auch, weil unzureichend angeleitet: den erkalteten Ort in einen warmen zurück zu imaginieren. Es gibt zwei andere Gedenkorte, an denen mir das besser gelungen ist: Treblinka – und heute, zumindest ansatzweise, Hebertshausen.

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1 zitiert nach Assmann, Aleida: Erinnerungsorte und Gedächtnislandschaften, in: Loewy, Hanno, Moltmann, Bernhard (Hg.): Erlebnis – Gedächtnis – Sinn: authentische und konstruierte Erinnerung. Frankfurt/Main 1996, S.22

2 Schlögel, Karl: Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik. Carl Hanser Verlag, München 2003, S.447

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