Die Unverschämtheit des “30-Tage-Studiums”

Vor einigen Tagen erschien auf  ZEIT -Online ein Beitrag einer enttäuschten Absolventin der Asienstudien, die behauptet, sie hätte ihr Studium auch in 30 Tagen schaffen können, hätte es keine Anwesenheitspflicht gegeben.

In Veranstaltungen habe sie generell nichts gelernt und die Dozierenden hielten Studierende für lästig und lernunwillig – so lässt sich die Position der Autorin grob zusammenfassen. Natürlich ist dieser Artikel mit Absicht überzogen geschrieben (oder meint sie die These, sie hätte das Studium auch in 30 Tagen geschafft etwa doch ernst?¹) und einige Aussagen würde ich stützen. Dennoch ist er mir nicht nur wegen seiner Plakativität übel aufgestoßen, sondern, weil er meines Erachtens nicht konsequent ist und die Schuld an unerfüllt gebliebenen Wünschen komplett anderen auflastet. Genau das zeigt aber, dass die Autorin nicht mitbringt, was sie ihren Dozierenden abverlangt: Selbstständigkeit.

 

1. Alles füllende, langweilige Referate kann man abschaffen. Entweder für alle oder nur für sich.

Wie bei der Autorin wurden auch bei uns in Seminaren oftmals Referate gefordert um einen Schein machen zu können. Wenn aber die Seminare zu groß waren, als dass jede Woche nur eine bzw. maximal zwei Personen ein Referat à 10-15 Minuten (von 90 Minuten!) hätten halten müssen, waren die Dozierenden auch flexibel. Dann hielt eben nicht jede_r ein Referat sondern erbrachte eine andere Leistung. Niemals wurde eine Veranstaltung nur mit Referaten gefüllt, ich kann mir kaum vorstellen, dass das anderswo der Fall sein soll.

Möglichkeit 1: Falls die lehrende Person bei entsprechender Seminargröße nicht flexibel sein will, ist sie – entschuldigung für die Direktheit – meines Erachtens auch nicht in der Lage, mir etwas beizubringen und ich gehe wieder. Lässt meine Prüfungsordnung das generell nicht zu, sondern schnürt mich in ein ungewolltes Korsett aus Pflichtveranstaltungen, habe ich die falsche Uni gewählt. Wenn man vor Beginn des Studiums diese ‘Freiheits’erwartung wie die Autorin hat, dann berücksichtigt man das doch bei der Ortswahl. Das gleiche gilt übrigens für die Anwesenheitspflicht. Diese gab es zwar bei uns, wurde jedoch von den klugen Dozierenden locker gehandhabt.

Möglichkeit 2: Wenn die Dozierenden aufgrund der Prüfungsordnung nicht flexibel sein können und man selbst auch nicht gleich den Ort wechseln will, muss man etwas an der Prüfungsordnung ändern. Dafür gibt es Fakultätsräte und andere Gremien, in die man sich wählen lassen kann. Oder schon gewählte Mitglieder, mit denen man reden kann. Oder man muss eben mal mit den gewiss ebenfalls genervten Dozierenden reden, damit die etwas in Gang bringen.

Möglichkeit 3: Wenn die Seminare sehr groß sind, läuft meines Erachtens sowieso etwas schief. Hier wäre auch die eigentliche Kritik angebracht gewesen: man kann mit vielen Leuten im Kurs nicht gescheit arbeiten. Für die Dozierenden, über die hier so hergezogen wird, ist es extrem schwierig unter solchen Umständen eine fruchtbare Arbeitsatmosphäre zu ermöglichen. Auch ihnen macht das keinen Spaß. Hier heißt es: Gremienarbeit – oder wenn man nur gegen Wände läuft: Uni wechseln. Leider ist das eigentliche Problem ja hier, dass die Unis nicht genug Geld haben. Wieso wird das an dieser Stelle nicht diskutiert? Davon abgesehen schaffte es aber auch meine arme brandenburgische Uni jedes Semester kleine Seminare stattfinden zu lassen. Weil man es dort will und dementsprechend die Mittel verteilt.

 

2. “Wir wollten ja lernen, aber wir wurden direkt demotiviert.”

Von den Dozierenden als Kurs gesagt zu bekommen, man wolle sowieso nichts lernen und doch gewiss nur wieder nach Hause, ist natürlich nicht schön. Bei uns hieß die Variante: “Sie wollen ja den Zug nach Berlin erwischen/am Freitag nicht extra aus Berlin kommen, deswegen lassen wir das und das jetzt sein.” Hier gilt jedoch das gleiche wie unter 1: widersprechen/gehen. “Ich wollte ja, aber die anderen sind Schuld” gilt einfach generell nicht. Es gibt immer Optionen etwas zu ändern, wenn man unzufrieden ist.

Es gibt unmotivierte Dozierende wie Studierende, die schnell wieder nach Hause wollen – und ich ärgere mich wie die Autorin oft genug über diese. Dann kann man aber nicht gleichzeitig im selben Artikel behaupten, die meisten Kommiliton_innen hätten ja lernen wollen: Entweder oder. Hier liegt meines Erachtens ein weiterer Denkfehler bzw. in diesem Fall der absolute Nachteil der Schwarz-Weiß-Malerei der Autorin. Die Vereinfachung des Artikels hat an dieser Stelle einen Grad erreicht, der nur noch verfälscht. Es sind nicht alle Dozierenden scheiße und alle Studierenden “eigentlich” motiviert. Die Lösung ist hier wie da nach den Leuten zu suchen, die denken wie man selbst und entsprechend motiviert sind. Und ja, die gibt es. Man muss eben selbst ein wenig aktiv werden. Diskutieren kann man zum Beispiel sehr gut in Kolloquien. An den meisten Unis gibt es in jedem Fachbereich mindestens zwei pro Woche. Hier werden auch im Entstehen befindliche wissenschaftliche Arbeiten vorgestellt. All das, was unserer armen Autorin angeblich niemand geben wollte.

3. Dreißig Tage für das Studium? Ein Tag für die BA-Arbeit? Diese These ist eine einzige Unverschämtheit.

Denn sie bringt einmal mehr sämtliche geisteswissenschaftlichen Studierenden und Studiengänge in Verruf und spricht Leuten, die an ihrer Bachelor-Arbeit aus verschiedenen Gründen innerhalb der dreimonatigen Frist scheitern ab irgendwie denken zu können. Und sie zeigt ganz deutlich, dass diese Absolventin eben nicht selbst denken wollte, sondern “Freiheit”, “Austausch” und “Diskussionen” frei Haus geliefert bekommen wollte ohne einen Stratz dafür zu tun.

Ich bin in meinem Studium zeitlich oft nicht hinterher gekommen: denn ich habe, was tatsächlich nur wenige Studierende in meinem Jahrgang gemacht haben, jeden einzelnen Seminartext gelesen und exzerpiert. Wenn mich mein Fach interessiert, beschäftige ich mich, ob in dieser oder einer anderen Form, mit den Inhalten und versuche sie zu durchdringen. Das kostet Zeit. Diese wird einem geisteswissenschaftlichen Studium aber im Normalfall auch nach Bologna immer noch gegeben (im Gegensatz zu z.B. Tiermedizin, und da herrscht der Zeit- und Materialdruck auch ganz ohne Bologna), wenn auch teilweise eingeschränkt. Die Autorin nennt das “Warterei”, die man auf 30 Tage Studium hätte zusammenkürzen können.

Natürlich: man kann diese Zeit entweder nutzen und recherchieren, schreiben, beim Schreiben scheitern, verstehen, warum Wissenschaft nicht einfach auswendig lernen heißt. Oder man kann trotzig wie die Autorin herumpampen, dass die Hausarbeiten nichts gebracht haben, weil sie sowieso nur eine Zusammenfassung anderer Leute (?)  Analysen seien. Wenn sie noch nicht einmal für den Inhalt und die Tiefe ihrer Hausarbeit verantwortlich sein will, wofür denn sonst bitte? Niemand schreibt ihr doch vor, nur einen bestimmten Text nachzureferieren.

Natürlich kann man sich an einem Tag irgendeinen Mist zusammenschreiben, der 40 Seiten einer BA füllt. Aber wenn der dann durchgeht, kann man eigentlich nur noch zwei Sachen sagen: so eine schlechte Uni soll mir erstmal jemand zeigen. Und wenn es sie geben würde: Es ist eine wahrlich unreife Leistung, das dann auch so zu nutzen. Die Autorin hat offensichtlich nicht verstanden, dass sie diese Arbeiten für sich schreibt. Und nicht für ihre Dozierenden, wie gut oder schlecht diese sein mögen.

Ja, auch ich ärgere mich oft über demotivierte Leute. Ja, auch ich finde, dass es Verbesserungsbedarf gibt, dass z.B. Anwesenheitspflicht genau dieses Verhalten des “ich muss und will eigentlich gar nicht” samt Trotzreaktionen befördert anstatt die intrinsische Motivation zu stützen. Aber andererseits sollte nach der Schule doch jede_r in der Lage sein zu reflektieren, dass er oder sie dieses Studium freiwillig und für sich führt. Dann gilt aber: Don’t rely on institutions to educate you. Kümmer’ dich selbst um das, was du willst. Es ist schließlich dein Leben. Das scheint die gute Frau noch nicht verstanden zu haben.

 

 

 

 

¹Zitat: “In die Seminare wäre ich gar nicht gegangen, aus den Vorlesungen hätte ich nur die Folien mit den Klausurfragen gelesen, meine Hausarbeiten an einem Tag geschrieben, Sprechstunden hätte ich mir gleich gespart und am Ende in einer Woche die Bachelorarbeit getippt. Das geht? Ja! Und ich hätte nichts verpasst.”

 

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