Neuanfang.

Manche Tage laufen so gut, dass sie kaum perfekter sein könnten – dennoch bin ich am Ende todtraurig. Heute war so ein Tag.

Am Morgen wachte ich in einem mir noch fremdem Bett auf, duschte, packte meine Sachen und bekam von meiner Mitbewohnerin einen Milchkaffee gemacht, das Fahrrad und eine Umhängetasche geliehen und fuhr zur U-Bahn, mit dieser zum Historischen Seminar.

Ich war gerade noch pünktlich, fast alle anderen auch, eine sympathische Gruppe, ambitioniert, interessiert. Manche mit freiwilligem Humor, manche mit unfreiwilligem. Die mit bayrischem Akzent hatten ausnahmslos auch Russisch als erste Muttersprache. Nun gut, es waren nur zwei. Oder drei? Zwei absolvierten ihr FSJ in Auschwitz, einer in Kirgistan, dann mussten wir unseren „Osteuropa“-Begriff definieren. Wieso habe ich eigentlich kein FSJ gemacht?

Mittags wurden wir zum Essen eingeladen, ein Privileg in zweifacher Hinsicht: ich musste es nicht bezahlen und ein so leckeres vegetarisches Gericht aß ich selten (Kürbis-Kartoffel-Strudel). Nach dem Mittagessen folgten die Formalitäten.

Sagte ich schon, dass ich jetzt ganz offiziell privilegiert bin? Es ist das, was ich wollte. Dieser Satz ist genauso wahr, wie er falsch ist. Ich wollte gefördert werden und das passiert jetzt. Als Gegenleistung zur Marke „Elite“, die wir uns jetzt anheften dürfen, wird von uns erwartet, dass wir etwas werden. Es wird von einem Teil von uns erwartet, dass wir promovieren. Man wird uns auf dem Weg dahin fördern. Warum aber muss ich mir diese Bedingungen erkaufen? Wieso stehen sie nicht allen zu? Ich hadere auch weiterhin damit.

Wieder zu Hause hatte meine Mitbewohnerin schon Tee gekocht, sie zeigte mir den Weg zum Supermarkt. Alles war gut an diesem Tag. Und nun sitze ich in diesem fremd riechenden Zimmer mit diesen fremden Möbeln und draußen saust die Autbahn vorbei. Diese Menschen, unterwegs, nur nicht so ziellos, wie ich, die ich gerade alles hinter mir aufgegeben habe.

 

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