In den letzten Jahren, um genauer zu sein: seit Beginn meines Studiums, war ich eine verzweifelte Leserin. Wenn ich einmal Zeit fand mir etwas anderes als die Pflichtlektüre zu Gemüte zu führen, langweilte ich mich oft schon nach wenigen Seiten. Die Verzweiflung schlich sich deshalb ein, weil ich mich jahrelang über das Lesen definiert hatte – und nahezu alles verschlang. Nun das: ich schien nicht mehr fähig zu lesen.
Allerdings stimmte das zum Glück nicht, sondern lag meines Erachtens an den unheimlich schlechten neuen Büchern, die man allenthalben in Buchhandlungen vorgelegt bekommt. Nachdem ich mich wieder richtig auf die Suche begeben hatte, fand ich auch wieder Perlen.

 

Cauby.

»Flieh. Und nimm die Dame mit.« (Marçal Aquino) kaufte ich mir irgendwann in den letzten Monaten, es ist eines der bezauberndsten und wehmütigsten Bücher, die ich gelesen habe, allerdings habe ich es gerade verliehen, man verzeihe mir also etwaige Ungenauigkeiten. Der Ich-Erzähler heißt Cauby, ein Mann, der seine Abende damit verbringt draußen vor seiner Pension zu sitzen und einem anderen (alten) Mann bei der wiederholten Erzählung seiner einzigen Liebesgeschichte zuzuhören. Caubys Geschichte hallt nur in seinem eigenen Kopf wider – ab und an verrät er dem nachfragenden Alten ein kleines Detail. Normalerweise stellt er sich aber zurück.
Dazu passend ziehen sich zwei Grundkonstanten durch Caubys Leben. Zum einen ist da die Situation, in der er von allen möglichen Leuten auf einen berühmten Namensvetter (ob wohl er gemeint ist?) angesprochen wird. Nicht Cauby ist also die Berühmtheit, nicht ihn nimmt man wahr, wenn man ihn sieht – man denkt an den anderen. Die zweite Konstante ist die Fotografie, der er aber nicht mehr richtig nachgehen kann, seitdem er ein Auge verloren hat. Auch hier, so erkläre ich mir zumindest seinen Beruf, ist er nicht der Erste, den man wahrnimmt. JedeR sieht seine Fotos, aber wer kennt schon die Person dahinter?
Zumindest wenn man Caubys Selbstdarstellung Glauben schenken mag, ist er damit zweitrangig, unsichtbar, hässlich (das verlorene Auge!) und alt. Dass dieses Bild nicht ganz stimmen kann, sieht man meines Erachtens allein schon an den Avancen, die ihm seine junge Pensionswirtin macht. Und vielleicht hat diese Selbsteinschätzung auch zuvor mit zu seinem Unglück beigetragen: er meinte, er sei unsichtbar. Er war es aber nicht – und Lavinia auch nicht. Wenn man Lavinia zu ihm gehen sah, dachte man nicht an ihn, sondern an den anderen.

Lavinia.

Auch Lavinia fotografiert, als Cauby sie kennenlernt, allerdings nicht beruflich und niemals Menschen. Die beiden lernen sich im Fotoladen des pädophilen Chinesen kennen, von dem sich Cauby ab und an das Auto borgt. Cauby ist sofort fasziniert von dem Auftritt dieser Frau; und auch von ihren Bildern. Der Chinese deutet jedoch Cauby gegenüber an, dass sie so hochgestellt sei, dass man sie eigentlich kenne, und er, Cauby, die Finger von ihr lassen müsse. Natürlich tut er das nicht. Er bittet sie, sie fotografieren zu dürfen. Aus der einen Fotografie werden viele und eine monatelange Affäre.
Allerdings ist Lavinia nicht nur verheiratet, sondern hat auch eine lange schmerzliche Geschichte hinter sich. Sie ist vieles, aber am wenigsten die mondäne Frau, als die sie sich in der Stadt präsentiert. Sie hat gleichzeitig eine sehr wilde und eine sehr verletzliche Seite an sich; es ist schwer, mit ihr umzugehen. Zeitweise bekam ich den Eindruck, sie sei manisch-depressiv; und wer weiß, vielleicht ist sie das auch. Vielleicht ist sie aber auch nur wahnsinnig überfordert mit ihrer Lebenssituation. Bei Cauby wird sie aufgefangen und geliebt, vielleicht das erste Mal in ihrem Leben. Die Männer, die zuvor mit ihr zusammen waren, das unterstelle ich ihnen zumindest, liebten mehr die von ihnen herbeigeführte Veränderung von Lavinias Biographie.

Die anderen.

Natürlich geht die Geschichte nicht gut, die Affäre bleibt nicht unsichtbar – die Gesellschaft entdeckt sie und straft beide hart ab. Dennoch will ich die Handlung nicht weiter ausführen, sondern empfehle sie zur eigenen Lektüre.
Nur zur Ausgangssituation der Erzählung möchte ich noch einmal zurückkommen, weil ich sie sehr faszinierend finde. Cauby sitzt auf der Terrasse mit dem Alten und einem Jungen. Letzterer hängt noch immer an den Lippen des ersteren, obwohl der Alte die Geschichte offensichtlich schon oft erzählt hat. Der Junge ist sogar so begeistert, dass er ein Buch über diese (vielleicht) gescheiterte Liebesgeschichte schreiben will. Diese besteht hauptsächlich aus Abwarten innerhalb eines zweiten Dreiecks: Dem Alten, einer Arbeitskollegin und deren Verlobten. Der Alte versucht mehrmals aus dem Dreieck zu fliehen, doch sie schafft es immer wieder ihn an sich zu binden ohne allerdings eine Affäre mit ihm einzugehen. Die eigentliche Situation ändert sich auch nicht, als der Verlobte stirbt.
Das ist vor allem deshalb eine so groteske Geschichte, weil sie in direktem Kontrast zu Caubys unerzählter, lebendiger Geschichte steht. Bei Cauby folgt ein Ereignis das nächste, während das Leben des nunmehr alten Mannes fast nur aus Warten auf diesen einen Moment bestand, den er am Ende noch nicht einmal dem Jungen für sein Buch, sondern Cauby anvertraut. Festgehalten werden so die Nicht-Ereignisse, über die wirklichen Ereignisse reden beide nicht, zumindest nicht für die Nach- oder Außenwelt, die sie eventuell nicht versteht.

Marçal Aquino beschreibt dies alles unglaublich detaillreich, die schwüle Luft, die Hitze und das Wasser, das wenn es kommt zu zerstören droht; Lavinias Tage, an denen sie sich völlig in sich kehrt; fehlende Menschlichkeit in einer Stadt im Rausch. Ein wenig fühle ich mich durch diese Gesamtkomposition an Heinrich von Kleists „Erdbeben in Chili“ erinnert. Dafür spreche ich übrigens eine weitere Leseempfehlung aus.

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