Stadt in Watte

Watte in den Ohren macht den eigenen Atem hörbar, dennoch ist sie ein drückender Fremdkörper. Der Wattebausch der Stadt ist anders. Beiläufig, weicher, wie gesättigte Luft. Nachts holt sie ihn heraus, umschließt sich und mich, liebkost, flüstert, ich sei geborgen, weil ich ein Teil von ihr bin.
Zu Beginn des letzten Winters war es nicht kalt, aber die Weihnachtsbeleuchtung hing bereits in sauberen Abständen die Karl-Marx-Straße hinunter, als ich mit dem Fahrrad über das endlose Grau fuhr und die Watte zum ersten Mal spürte. Zwei Uhr nachts, alles erleuchtet, niemand dort, alles still. Still. Nein, nicht nur still, die Watte absorbierte jedes Geräusch. Ich fühlte nur meinen Atem und das Surren der Reifen. Die Stadt lächelte auf mich herunter und sagte zu mir: du gehörst hier hin. Du bist so wie ich. In dieser Nacht schlief ich seelig.
Am Tag ist die Watte verschwunden. Am Tag wache ich spät auf und der Strom der Abgase auf der Brücke reißt nicht ab. Am Tag muss ich durch die Raucherschwaden vor dem roten Gebäude. Die Schwaden geben mir keine Luft sondern nehmen sie. Sehe ab und an mein Spiegelbild: eine Figur mit krummen Rücken und ungekämmten Haaren. Am Tag frage ich mich, was ich hier will. Dann lacht die Stadt mich aus, sie muss nicht wiederholen: Du bist so wie ich, auch bei Tag. Sie tut es dennoch.

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