oder: Das Problem mit der Vergleichbarkeit.

 

Auf kleiner drei schreibt Juliane heute von der Qual, die ihr Sportunterricht bereitete, inklusive der damit einhergehenden Demütigungen. Auch ich habe dazu (nach der Wende und im ‚Westen‘) meine Erfahrungen gemacht. Das Problem geht meines Erachtens nicht nur über die Frage des politischen Systems hinaus*, sondern vor allem über dieses einzelne Fach. Es hängt mit dem Lernsystem in der Schule insgesamt zusammen, Schulsport schafft es nur, dieses besonders sichtbar zu machen.

*Eine Kommentatorin bei Juliane bringt den Drill im Schulunterricht mit dem DDR-System in Zusammenhang.

Übelkeit

Ich habe, auf eine gewisse Weise, meinen Körper immer bewundert, auch, wenn ich ihn generell nicht leiden konnte: er war immer sehr darauf bedacht, meine ‚Ausflüchte‘ in Wahrheiten umzuwandeln. Vor dem Sportunterricht in der Grundschule war mir generell schlecht. Meine beste Freundin hielt das für vorgetäuscht, aber mir war tatsächlich extrem übel, ich musste mich nur genug hineinsteigern. Das eigentlich Unverständliche an der ganzen Sache war für meine Freundin, dass ich außerhalb der Schulzeit einmal in der Woche ‚zum Turnen‘ im Sportverein ging und mir diverse Sprünge über Bock und Pferd sowie einige Spielarten des Bodenturnen auch Spaß machten. Nein, das fiel mir auch dort nicht „leicht“, und gerades Radschlagen habe ich niemals auf die Reihe bekommen, aber hier gab es erstens keine Jungs und zweitens keine Noten. Ich konnte immer weiter probieren, über Jahre, und wurde dabei mit Ratschlägen unterstützt sowie für meine Fortschritte und meine Beweglichkeit gelobt – dass ich nicht so schnell laufen konnte wie die anderen machte nichts.

 

Das Ding mit der Vergleichbarkeit

Was bei mir anders war, als bei Juliane: dass ich mich nie einfach geweigert habe, eine bestimmte Sportart in der Schule mitzumachen. Wahrscheinlich lag das auch daran, dass wir nur in der Grundschule zum Seil- und Stangenklettern gezwungen wurden und ich einfach daran hochsprang und dann 30 Sekunden versuchte von dieser Position nicht wieder herunterzufallen; das war eigentlich die einzige unzumutbare Sportart, die mich vielleicht mit der Zeit zum Aufgeben gebracht hätte. Aber ansonsten war ich sehr auf Erfolg bedacht. Ich strengte mich wirklich an, und zum Glück habe ich nie mehr so extrem ‚versagt‘ wie an diesem baumelnden Seil; aber wirklich besser wurde ich nicht. Meine Noten waren und blieben schlecht.

Allerdings gab es eine Situation, die anders war als die anderen. Eine Sportlehrerin, die alle für ihre strenge Art und ihre Brüllerei hassten, rief die Klasse am Ende der Sportstunde zusammen und verkündete, dass ja alle gesehen hätten, wie schwer ich mich tue, dass ich niemals eine gute Note erreichen könne, aber da ich mich so anstrenge, werde sie mir eine 1 in Mitarbeit geben und diese doppelt werten. Das war das einzige Mal, dass ich eine 2 in Sport auf dem Zeugnis stehen hatte.  Was für mich allerdings damals ein Lichtblick war, sehe ich heute mit anderen Augen. Die Lehrerin schien zwar zu merken, dass irgendetwas mit ihren Bewertungskriterien nicht stimmen konnte. Aber statt diese in Frage zu stellen, suchte sie lieber ewig nach einem anderen Instrument, um meine Note nach oben zu schrauben. Wie absurd diese Kriterien waren, kann das Prinzip der „Tabelle“ ganz gut veranschaulichen.

Die Werte dieser Tabellen, auf Grundlage derer wir unsere Noten bekamen, stammte aus den 70ern, als alle Kinder noch den ganzen Tag durch die Gegend rannten und  nicht stundenlang vor dem Fernseher saßen (sorry für die Vereinfachung). Eigentlich konnte keine_r meiner Klassenkamerad_innen eine wirklich gute Note erreichen, was die entsprechenden Disziplinen bei fast allen so verhasst machte. Hinzu kam das vollkommen willkürliche Instrument des Geburtsjahrs. Wer am 31. Dezember 1990 geboren war, wurde strenger bewertet, als die Person, die am 1. Januar 1991 auf die Welt kam. Und da ich zu einer der ältesten in der Klasse gehörte, bekam ich auch immer eine schlechtere Note im Weitsprung, im 100-Meter-Lauf, im Seilspringen. Den absurdesten Höhepunkt erreichte die ganze Chose in der Oberstufe, als nur noch unsere semiprofessionellen, drei Mal in der Woche für Wettkämpfe trainierenden, Mitschüler_innen auf eine 2- kamen. Da hatte ich mich endgültig vom Sport verabschiedet, vor allem, weil der Lehrer keinerlei Unterstützung gab. Er hatte keine Tipps, wie man Seitenstechen beim Ausdauerlauf vermeiden konnte beispielsweise.  Wenn ich endlich mal eine Sportart gefunden hatte, die mir Spaß machte (Speerwerfen, juchhe!) konnte ich diese nur zwei Wochen üben, dann ging es schon weiter zum Kugelstoßen und 800-Meter-Lauf. Erfolgserlebnisse aka individuelle Verbesserungen waren so natürlich nicht möglich.

Worauf ich hinaus will: nicht unsere eigenen Leistungen und Fortschritte wurden gemessen und wir dementsprechend benotet, wir wurden auf dem Stand, auf dem wir waren, mit Kindern aus den 70ern verglichen. Und das Problem ist: es geht hier nicht nur um den Sportunterricht. Der Sportunterricht macht dies nur besonders sichtbar, weil man sofort wahrnehmen kann, wer pummelig ist und wer rank und schlank; wer sich elegant bewegen kann und wer nicht.

 

Der Junge mit den 69 Rechtschreibfehlern

In der 8. Klasse saß ein Junge vor mir, der in Diktaten immer ‚versagte‘. Auf drei Seiten Diktat hatte er einmal 69 Rechtschreibfehler. Ich erinnere mich daran so genau, weil meine Deutschlehrerin eine ähnliche Strategie anwendete, wie meine Sportlehrerin: sie lobte ihn vor der ganzen Klasse und meinte, dass er wohl niemals ein tolles Rechtschreibgenie würde, aber dass er sich im Vergleich zum letzten Mal schon sehr verbessert habe. Deswegen sei die 6 unter der Arbeit zwar leider aufgrund der Bewertungsmaßstäbe nicht zu verhindern, aber sie sei stolz auf ihn.  Ich liebte meine Deutschlehrerin, aber im Nachhinein runzele ich doch etwas die Stirn. Wäre es an diesem Punkt für sie nicht an der Zeit gewesen ihre Bewertungskriterien unter die Lupe zu nehmen? Während ich mit den Anforderungen im Sportunterricht überfordert war, kam mein Mitschüler mit den Anforderungen des Diktats nicht klar.
Die Konsequenz ist für mich: das Schulsystem setzt falsche Maßstäbe. Kinder bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit in die Schule, werden aber immer alle gleich behandelt. Das ist unfair und sinnlos. Bis auf den Sportunterricht war ich immer eine glänzende Schülerin, weshalb mir die eine Demütigung einmal bis zweimal in der Woche mit der Zeit nicht mehr so wahnsinnig viel ausmachte. Aber ich kenne viele, viele Kinder aus meiner Zeit als Nachhilfelehrerin, die ein Problem damit haben. Die nicht so schnell wie der Durchschnitt lernen, weil ihnen am Anfang irgendeine Voraussetzung gefehlt hat. Diesen Kindern wird vollkommen die Neugier und die Lust auf diese Fähigkeit genommen. Sportunterricht wird oftmals als Randfach wahrgenommen. Aber was ist, wenn ein Kind in Mathe so schlecht ist wie ich in Sport war?

 

Begabung

Die Krux des ganzen liegt meines Erachtens auch in unserer Sprache. Wenn ich gut Klavier spielen könnte, mir das ganze unheimlich Spaß machen würde und ein gutes Ergebnis dabei herauskommt, dann werde ich als ‚begabt‘ eingestuft. Das ist mir leider nicht passiert, dafür habe ich die ‚Begabtenförderung‘ meiner Schule für ein Jahr genießen dürfen. Mir machte der Unterricht immer Spaß, ich vertiefte mich mehr in den Stoff als die anderen – und oh Wunder! ich war natürlich besser. Meine Eltern haben mir immer vorgelesen, ich wollte unbedingt selbst lesen lernen, ich habe verstanden, dass ich mit einem guten Zahlenverständnis mein Taschengeld besser einteilen kann. Solch einfache Motivationen gehen nicht jedem_r auf, nicht jede_r hat ein unterstützendes Elternhaus. Ähnlich ist es doch beim Sport. Wenn der mir von Anfang an nicht nur Spaß macht, sondern ich auch merke, wie er meinen Körper verändert, dann kann ich richtig gut werden. Daran glaube ich auch noch immer. Zwar liegt mein Schwerpunkt nicht auf Sport. Nur: ich bin auch nicht ‚unbegabt‘. Niemand ist meines Erachtens ‚unbegabt‘. Das ist nur das, was man die ganze Zeit in der Schule lernt und wovon man sich mühsam wieder los machen muss. Offenbar ist es auch überhaupt nicht gewünscht, ja, man hat sogar Angst davor, von dem Schema der ‚Guten‘ und der ‚Schlechten‘ abzuweichen.

 

Spätfolgen

Und nein, ganz spurlos ist die Geschichte mit dem Schulsport in Kombination mit anderen Aspekten meines Umfelds auch an mir nicht vorüber gegangen. Immer wieder wurde mir von Sportlehrer_innen, Mitschüler_innen und auch meinen Eltern vermittelt, mein Körper sei defizitär. Ich mag ihn noch immer nicht und traue ihm nicht viel zu. Zum Glück habe ich aber wie Juliane den Absprung doch irgendwie in die richtige Richtung geschafft und spüre, dass mir ein Besuch im Fitness Studio oder beim Yoga-Kurs einfach gut tut. Mit den Muskelprotzen will ich mich sowieso nicht vergleichen.

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