Meine Geige und die Linkshändigkeit

Meine Eltern haben sehr früh erkannt, dass ich Linkshänderin bin und zum Glück nicht versucht mir den Stift in die rechte Hand zu drücken. Auch meine Grundschullehrerin fand es ganz normal, dass ich mit links schrieb. Die wirklich unschönen Geschichten kenne ich fast nur noch aus Zeiten meiner Großeltern: dass diese beispielsweise mit dem Rohrstock auf die Finger geschlagen wurden, wenn sie die „schlechte“  oder „schmutzige“ Hand zum Schreiben oder Hände schütteln benutzen wollten. Tatsächlich hat sich in dieser Hinsicht fast alles verbessert und dass ich noch immer ein Mädchen in meiner Grundschulklasse hatte, das von ihrer Mutter gezwungen wurde mit rechts zu schreiben, ist tatsächlich als Ausnahme zu betrachten. Es treten lediglich noch die üblichen Problemchen im Alltag auf, weil Linkshänder_innen ab und an vergessen werden oder weil es tatsächlich ein praktisches Problem gibt – ob es nun die nicht funktionierende Schere oder die mit Tinte beschmierte Schreibhand ist. Es gibt jedoch einen Bereich, in dem man nach wie vor ziemlich ignorant – im Sinne von unwissend und nicht-wissen-wollend ist.

 

LH-Instrumente

Ich habe sehr spät mit dem Geige-Spielen angefangen. Zum größten Teil liegt die Ursache darin, dass zwar meine Großmutter diese Idee unterstützte, als ich ungefähr 10 war, aber nicht meine Eltern, die es besser gefunden hätten, wenn ich Klarinette oder zumindest erst einmal Gitarre gelernt hätte. Die genauen Beweggründe dahinter kann ich nur erraten, vermutlich waren es auch finanzielle Gründe und die Idee mit der Gitarre hatte ihnen die örtliche Musiklehrerin eingeredet, die das Instrument selbst unterrichtete und meinte, es sei eine gute Vorübung um ein Streichinstrument zu erlernen. (Nunja.) Außerdem war ich in dem Alter vermutlich nicht hartnäckig genug.

Jedenfalls setzte ich mich mit meiner Idee erst durch, als ich schon 17 und damit eigentlich „viel zu alt“ war um noch ein Streichinstrument zu lernen. Man könnte meinen, dass wenn ich diese Hürde ohne weiteres überwinde, ich auch eine weitere meistere:  nämlich mit links zu lernen – also Instrument und Bogen in der „falschen“ Hand zu halten. Ich nutzte damals den gerade erst gewonnenen Internetzugang für Recherchen und kam zu einem ernüchtenden Ergebnis: wollte ich jemals in einem Orchester spielen (Linkshänder-Orchester gibt es nur sehr selten), dann kam nur das Rechtshänderinnen-Instrument in Frage, da ich sonst allen anderen die Augen ausstechen würde. Und außerdem, so sagte man mir, sei es doch im Grunde egal, ob man Links- oder Rechtshänderin sei, es würden ja sowieso beide Hände gleich beansprucht.

Ich lernte also mit einem geliehenen Rechts-Instrument und machte in den ersten anderthalb Lernjahren extrem schnelle Fortschritte. Natürlich übte ich auch sehr viel und war sehr motiviert, aber meine Lehrerin attestierte mir auch ein ausgeprägtes Talent, weil ich so sauber spielte. Sie meinte, das könne zum einen mit meiner musikalischen Vorbildung, zum anderen aber auch damit zu tun haben, dass ich mit meiner Schreibhand wesentlich schneller als andere die richtigen Töne fand. Nur irgendwann kamen die ersten Probleme auf. Meine Bogenhand (rechts) war viel zu verkrampft. Denn links und rechts werden keineswegs „gleich“ beansprucht.

 

Probleme

Diese Probleme kamen nicht von jetzt auf gleich und ich hatte natürlich auch schon jede dazu verfügbare Internetseite gelesen. Natürlich spürte ich, wenn ich den Bogen in die linke Hand nahm, dass ich sofort genau die Bewegungen vollführen konnte, die meine Lehrerin von mir haben wollte. Und nicht nur das. Es war und ist ein ganz anderes Gefühl – und das ist entscheidend, denn der Bogen erzeugt den Klang, und nunja, damit auch Gefühl, das in der Musik liegt.

Als Kind verwechselte ich oft links und rechts und merkte mir die Seitenverhältnisse irgendwann auf diese Art: Die linke Hand ist die, mit der ich fühle. Wenn ich meine linke Hand bewege, merke ich ein wohliges Gefühl sowohl in meinem Kopf als auch in der Hand selbst. Mit rechts geschieht nur ein minimaler Anklang davon, so etwas wie ein Schatten. Ich sprach mit meiner Lehrerin darüber, aber die war etwas ratlos und hatte zwischenzeitlich auch schon wieder vergessen, dass ich Linkshänderin war, obwohl ich ihr dies direkt am Anfang gesagt hatte. Meine Lehrerin war ansonsten sehr fähig, aber in diesem Punkt einfach uninformiert. Und das ist leider nichts besonderes, sondern Alltag. In Foren wie diesem wird es geradezu gefeiert, wenn eine Musikschule gefunden wurde, die keine Probleme damit macht, dass die Eltern selbstverständlich ein Linkshänder_innen-Instrument angeschafft haben und nun auch wollten, dass ihr Kind damit lernt.

Hier geht es nicht mehr um reine Uninformiertheit, sondern vor allem um Ablehnung. Man will das nicht. Kinder sollen die Instrumente „vernünftig“ lernen. Ich verstehe ehrlich gesagt immer noch nicht, wo das Problem ist und warum es uns so schwer gemacht wird. Mittlerweile spiele ich seit doch beinahe sechs Jahren (mit anderthalb Jahren Pause zwischendurch) und habe das Gefühl meine rechte Hand kaum weiterentwickeln zu können. Oft ist die Hand viel zu verkrampft oder unsicher – wenn ich dann versuchsweise den Bogen in die andere Hand wechsle, kommt das einer Erlösung gleich. Leider bräuchte ich für diese Umstellung ein neues Instrument und noch einmal Unterricht quasi von vorn. Dafür werde ich kein Geld haben – und entsprechende Leihinstrumente habe ich hier in der Umgebung noch immer nicht gefunden. Von Umbau riet man mir ab. Die anderthalb Jahre Pause rührten damit auch von der Frustration her, dass ich teilweise nicht weiter komme.

 

Zweifel

Zudem sind da noch immer die Zweifel. Vielleicht müsste ich die Hand nur richtig trainieren und habe in der Hinsicht nur noch nicht die richtige Lehrperson gefunden? Vielleicht habe ich nach der Umstellung genau die gleichen Probleme – nur, dass es dann um Sauberkeit und Vibrato bei der rechten Hand geht? Und wenn ich ab und an am Cello meines Freunds sitze und ein paar Tonleitern spiele, geht die Bogenführung mit rechts komischerweise sehr viel passabler. Wahrscheinlich wäre dies alles ein viel kleineres Problem, wenn es wie selbstverständlich Beratung und (Leih-)Instrumente für Linkshänderinnen geben würde – und Schulen wie auch Profiorchester nicht noch immer in einer Linkshänder_innen-Ablehnung wie vor 80 Jahren festhingen. Denn dann müsste ich nicht mich selbst und irgendwelche Foren bemühen, sondern könnte zur erstbesten Musikschule gehen und mich dort unvoreingenommen beraten lassen.

 

 

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