Gestern war ich nach langer Zeit wieder einmal bei meinen Großmüttern. Zugegeben, ein halber Tag für jede ist nicht viel, aber zu Sarah habe ich es mal wieder überhaupt nicht geschafft, obwohl ich am Kölner Dom vorbei fuhr.

Oma1 war in so guter Verfassung wie schon lange nicht mehr. Es ist normal, dass wir irgendwann während unserer Gespräche auf den zweiten Weltkrieg kommen, aber normalerweise verwechselte sie mich schon nach kurzer Zeit des Erzählens mit ihrer Schwester, meiner Mutter oder sonst einem weiblichen Familienmitglied – und brachte dementsprechend auch in ihren Erzählungen manchmal Jahre und Orte durcheinander. Außerdem nahm sie die Erzählung immer sehr mit und sie brach regelmäßig in Tränen aus, vor allem, wenn sie zwangsläufig bei der Geschichte anlangte, bei der sie in der Sperrstunde mit dem kleinsten, kranken Geschwisterchen kurz nach Ende des Krieges irgendwie noch nach Hause kommen musste. Da muss sie ungefähr 14 oder 15 gewesen sein.

Dieses Mal aber erzählte sie mir eine komplett neue Geschichte, die ich ziemlich verblüffend fand. Sie ging ungefähr folgendermaßen, wir sind darauf gekommen, weil sie erzählt hatte, dass sie noch während des Krieges heimlich mit Freundinnen und einem Grammophon in der Küche tanzen gelernt hatte, weil öffentliches Tanzen verboten war:

Oma:   „Vater ist ja dann nach dem Krieg aus Amerika zurückgekommen und hat Mandolinen-Musik gemacht.“

Marie: „Wie, aus Amerika? Was hat er denn da gemacht?“

Oma:  „Er war da in einem Arbeitslager, und nachmittags sind sie beschäftigt worden, damit sie keinen Spökes machen. Da hat einer von den Vorarbeitern Holzkistken mitgebracht, und dann hat er ihnen gezeigt, wie sie daraus Mandolinen bauen konnten. Nur die Saiten mussten sie selbst bezahlen, aber das haben sie natürlich gern gemacht!“

Marie verwirrt, hat leider versäumt zu fragen, ob sie etwa sogar Lohn bekamen, dass sie sich „gerne“ Saiten kaufen konnten.

Oma: „Ja und dann kam er zurück und hatte mehrere Mandolinen, auf denen er auch spielen gelernt hatte. Und wir haben immer gesagt: ‚Vater, mach Musik!‘

Marie: „Aber wie ist er nach Amerika gekommen?“

Oma: „Die Amis haben ihn geschnappt! Er hat als Vorarbeiter bei den Metallern gearbeitet, da war klar, dass er nicht eingezogen wird. Aber ’44 ham sie ihn verpfiffen.“

Marie: „Wer hat ihn verpfiffen?“

Oma: „Wir hatten ja unseren Schrebergarten, Kohl, Salat, Möhren. Aber natürlich keinen Gefrierschrank, das musste ja alles aufgegessen werden! Und da waren in der Fabrik diese armen Leute aus dem Osten. Da hat Vater das Gemüse mitgebracht.“

Marie: „Und dann hat ihn jemand verraten?“

Oma: „Das war natürlich verboten. Er hat ihnen die Sachen ja nicht direkt gegeben, er hat sie in alte Säcke gepackt und irgendwo liegen lassen. Und später waren die Säcke dann verschwunden. Dann wurde er plötzlich eingezogen und Vater sagte zu Mutter: Hol Mia (Anmerkung: meine Oma) zurück hierher so schnell es geht, die Russen kommen in den Osten. Und dann haben ihn die Amerikaner geschnappt.“

Weitere Anmerkung: meine Oma war in Thüringen in Kinderlandverschickung.

Meine Mutter schaltet sich in das Gespräch ein: „Haben die dich denn einfach so gehen lassen?“

Oma: „Mutter war ja wieder schwanger. Sie konnte das begründen, dass sie jede Hand braucht, jetzt wo Vater nicht mehr da war. Und dann hat Mutter Briefe geschrieben (nach Amerika) und die kamen immer zurück. Und ich habe sie der Kriegerwitwe von nebenan gegeben, die hat sie aufbewahrt. Aber irgendwann wollte sie das nicht mehr und meinte: ‚Mutter schreibt wieder und wieder und es kommt keine Antwort.'“

Gefangenen-Meldung_Vorderseite

Kriegsgefangenenkarte

Weil diese Geschichte neu für mich war, habe ich bei mehreren Sachen, die Fragezeichen aufkommen lassen, versäumt nachzufragen. Beispielsweise habe ich nicht gefragt, wie lange er in Amerika war, ob sie weiß, wie viel er wusste im Vergleich zum Rest der Bevölkerung (von wegen: ‚Hol Mia da weg, die Russen kommen.‘) – offensichtlich hat er sich ja nicht von der Propaganda des ‚sicheren Ostens‘ einlullen lassen und den Zwangsarbeiter_innen (als diese interpretiere ich die „Personen aus dem Osten“) in seiner Fabrik trotz der vorhandenen Gefahr für sich selbst ein bisschen Essen zukommen lassen.

Mit Zeitzeugen-Aussagen muss man ja immer ein bisschen vorsichtig sein, vor allem, wenn sie wie hier eigentlich aus zweiter Hand kommen. Schließlich hat mir meine Oma diese Geschichte erzählt, nicht ihr Vater. Und ich weiß, dass sie gern zu Schönungen tendiert, auch, was die Schilderung der Kriegserfahrungen meines Opas angeht. Auch mein Uropa sieht in dieser Geschichte wie einer von den ‚Guten‘ aus. Ich will ihm das nicht absprechen und sehe, wenn diese Geschichte wahr ist, auch keinen Grund daran zu zweifeln. Aber andersherum kann sie mir niemand verifizieren. Insofern ist sie mit Vorsicht zu genießen. Schließlich wurden ’44 selbst halbe Kinder und alte Krüppel (und mein Uropa war auch nicht mehr der Jüngste) eingezogen, auch, wenn sie Zwangsarbeiter_innen nicht ihre überschüssigen Gartenerzeugnisse abgaben. Auch Aussagen wie die, dass das Kind vor den Russen gerettet werden soll, können natürlich im Nachhinein entweder von meinem Uropa, meiner Oma oder sogar meiner Uroma hinzugedichtet worden sein. Vielleicht wurde sie von ihrer Mutter tatsächlich nur wieder geholt, weil eine schwangere Frau sich eben tatsächlich nicht ohne Mann und mit mehreren Kleinkindern allein durchschlagen konnte.

Jedenfalls blieben bei mir einige Fragezeichen zurück. Kriegsgefangenschaft in Amerika jedenfalls war mir komplett neu. Davon hatte ich noch nie gehört, was mich noch mehr erstaunt, weil die Zahl der nach Amerika verbrachten über drei Millionen und damit ungefähr auf Höhe der in der Sowjetunion Gefangenen und ein wenig unter der Zahl der in GB Gefangenen liegt.1 Ich bin noch einmal in mich gegangen, aber so etwas haben wir im Schulunterricht nicht besprochen; und da ich in meinem Studium sonst sehr auf Osteuropa und das 18./19. Jahrhundert konzentriert bin, blieb mir dieser Fakt auch danach verborgen. Mein Opa deutete, als er noch lebte, manchmal die Entbehrungen und den Hunger in russischer Kriegsgefangenschaft an. Dagegen muss Amerika tatsächlich das reinste Paradies gewesen sein.

Laut Matthias Reiß 2 lebten die Gefangenen in Amerika eher in den Südstaaten, weil man sich dort die Heizung sparen konnte – und sie bekamen nicht nur reichlich Essen, sondern wurden auch mit 80 Cent bis 1,20 Dollar pro Tag entlohnt und konnten an Freizeitangeboten teilnehmen. Damit scheint die Geschichte mit dem Mandolinen-bastelnden Urgroßvater zu stimmen. Und ich muss meine Oma in Zukunft noch mehr löchern, wer weiß, welche Geschichten sie noch auf Lager hat. Bis dahin lese ich noch einmal den Bericht des Gefangenen H.A.

 

 

1 weil ich unterwegs bin, verlasse ich mich ausnahmsweise einmal auf die Wikipedia. Die Zahlen werden aber auch hier noch einmal ungefähr bestätigt.

2 Hier gibt es den Artikel von Reiß, er hat auch ein ganzes Buch zum Thema geschrieben, das dort als Literatur angegeben wird.

 

 

 

2 Kommentare

  1. KopfkompassNo Gravatar

    Spannend fände ich auch, was aus den Mandolinen geworden ist? Hat man denn nicht wenigstens eine aufgehoben als skurriles Andenken an eine im Rückblick sicher unwirklich wirkende Zeit?

    Antworten
  2. MarieNo Gravatar Autor

    Das habe ich mich allerdings auch gefragt, aber die Antwort meiner Oma dazu war relativ diffus und ich bin mir nicht sicher. Fest steht, dass es mindestens 2 Mandolinen in ihrem Haus gibt, die sehen mir allerdings kein bisschen improvisiert aus und es kann sein, dass sie sie im Nachhinein gekauft hat.

    Ich werde ihr noch einmal einen Brief schreiben und berichte dann.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *