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Gregor Reisch, Magarita Philosophica, 1508

Ich gebe seit heute wieder Nachhilfe. Ich mache das schon so lange ich denken kann, nur in letzter Zeit hatte ich eine Pause eingelegt. Während dieser ganzen Zeit des nachmittäglichen In-Kinderzimmern-Sitzens habe ich viele kaputte kleine Menschen kennen gelernt sowie überambitionierte oder verzweifelte Eltern und sekundär auch blutsaugende Nachhilfeunternehmen.

Diesmal wurde mir vorher gesagt, dass es um ein 6.-Klasse-Kind geht, dem eine Matheschwäche, auch Dyskalkulie genannt, offiziell diagnostiziert wurde. Nein, bisher hatte das keines ‚meiner‘ Kinder und ich habe mich vorher ein bisschen eingelesen und bekam es dabei ein wenig mit der Angst zu tun, ich sei nicht qualifiziert genug. In mehreren Foren wurde dringend davon abgeraten ‚normale‘ Nachhilfelehrer_innen‘ zu engagieren und stattdessen ausgebildete Dyskalkulie-Trainer zu engagieren. Diese verlangen allerdings 60 bis 80 Euro die Stunde, was sich Normalverdiener_innen garantiert nicht leisten können, schon gar nicht im Osten.

Kinder mit Dyskalkulie zählen mit den Fingern, im Kopf rechnen geht fast gar nicht. Allerdings las ich, dass höhere Mathematik später ohne Probleme von diesem Menschen bewältigt wird, nur eben addieren, subrahieren, muliplizieren und dividieren funktioniert einfach nicht. Hinzu kommt oft eine Verwechslung von links und rechts und damit einhergehend die Verwechslung von zweistelligen Zahlen, mit denen dann falsch weitergerechnet wird, z.B. 28 statt 82.

Zum Glück stieß ich während meiner Recherchen auch auf ein 60-Seiten-Papier von Wilhelm Schipper. Ich habe jetzt gut ein Drittel gelesen und muss mal wieder ein wenig kopfschüttelnd über mich selbst sagen, dass ich mich doch beinahe hätte ins Boxhorn jagen lassen. Schipper leitet sein Papier wie folgt ein:

Schule hat u. a. die Aufgabe, Kindern beim Lernen von Mathematik zu helfen, auch –und wohl gerade dann in besonderer Weise – wenn den Kindern das Mathematiklernen schwer fällt. Dennoch werden in Deutschland immer mehr Kinder wegen „Dyskalkulie“ in außerschulischen Einrichtungen „therapiert“. Auf diese Weise wird eine zentrale Aufgabe von Schule zunehmend außerschulischen „Dyskalkulie-Instituten“ und ihren „Therapeuten“ überlassen. Für diesen Berufsstand gibt es keine staatlich kontrollierten Ausbildungsstandards, so dass sich jeder – unabhängig von seiner Qualifikation – selbst dazu ernennen kann. Das, was ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern nicht gelungen ist, nämlich Kindern erfolgreich beim Mathematiklernen zu helfen, wird außerschulischen „Experten“ überlassen, deren Qualifikation unbekannt ist. Diese Entwicklung ist für das Ansehen von Schule schädlich, für manche Kinder eher kontraproduktiv und in gesamtgesellschaftlicher Sicht ein großes Problemfeld.

„Dyskalkulie“ ist also nicht nur ein Problem für die Kinder, sondern gleichzeitig ein Markt. Ansetzend an dem Punkt sind mir noch ein paar Dinge aufgefallen:

 

1. Dyskalkulie ist nichts an sich ‚Außer-Gewöhnliches‘

Jedenfalls was meine Gewöhnung angeht. Die Probleme, die der Dykalkulie zugeordnet werden, sind genau die Probleme, mit denen ich während meiner gesamten Nachhilfe- sowie eigenen Schulkarriere immer mehr oder weniger ausgeprägt zu tun hatte. Ein Kind hat ein Problem mit einem Fach, sei es nun Mathe oder Englisch oder Deutsch. Diese Probleme rühren selten daher, dass das Kind aktuell etwas nicht verstanden hat. Meist reichen die Probleme viel weiter zurück, denn irgendwann viel früher hat das Kind den Anschluss an gewisse Grundlagen verloren oder den Zugang erst gar nicht bekommen. Zumeist lässt sich das am Anfang durch das Kind noch vertuschen. Aber je schwieriger die Aufgaben werden, desto schlechter werden die Noten, weil die „Pfuschmethoden“ nicht mehr ausreichen oder zu lange dauern. Meine aktuelle Schülerin versicherte mir, das Einmaleins zu beherrschen, in Wirklichkeit zählt sie an den Fingern ab. Leider haben wir nur zehn davon.

In diesem Fall werden die einfachen Rechengrundlagen nicht beherrscht, das ist mehr oder weniger eine grobe Definition von Dyskalkulie: was sonst sind plus, minus, mal und geteilt? Dahinter steht ein einziges Problem: das Kind kann sich nicht vorstellen und daher nicht einprägen, was „ein Vielfaches“ von etwas anderem bedeutet oder wie man sich die Überschreitung einer Zehnergrenze vorzustellen hat. Genau hier müsste angesetzt, das müsste aufgeholt werden.

 

2. Fehlende Geduld

Die Vergleichsarbeit wird in zwei Wochen geschrieben, das nächste Zeugnis in wenigen Monaten. Viele Eltern wollen möglichst sofort Ergebnisse. Das Problem bei einem solchen Grundlagen-Versäumnis ist aber, dass die Kinder ja gerade in der Schule nicht schnell-schnell kapiert haben, sondern dem Stoff meilenweit hinterherhinken. Ich habe eigentlich nie auf die Eltern gehört, die meinten, ich solle mit ihren Kindern nur den relevanten Stoff für die nächste Klassenarbeit durchgehen, aber ich vermute, dass das nicht alle Nachhilfelehrer_innen machen. Sich mit dem Kind auseinanderzusetzen, mit ihm zu reden, zu verstehen wie es denkt und wann es rät statt zu rechnen ist einfach das wichtigste Element an der ganzen Sache. Und wenn das Kind einmal verstanden hat, heißt das noch lange nicht, dass man zur nächsten schwierigen Rechenart übergehen kann, denn dann muss das Verstandene erst geübt werden. Dafür muss zunächst eine Akzeptanzgrundlage bei den Eltern geschaffen werden.

 

3. Druck von Seiten der Schule

Der Druck der Eltern kommt auch nicht von ungefähr. Sie wollen nicht, dass ihr Kind eine Klasse wiederholen muss oder den Mathemakel auf dem Zeugnis hat. Ein Vorteil, der mit der Diagnose Dyskalkulie einhergeht, ist, dass es von Seiten der Schule einen Notenausgleich geben kann. Das heißt, dass das Kind Noten bekommt, die auf dem basieren, was es selbst an Lernfortschritten gemacht hat und nicht, auf dem, wie es im Vergleich zur Klasse abgeschnitten hat. Leider wird das noch viel zu selten praktiziert und setzt eigentlich ein komplettes Umdenken der Lehrer_innen – ach was sag ich, des Schulsystems – voraus.

 

Hier sind wir an meinem eigentlichen Punkt angelangt. Es ist auffällig, dass wesentlich mehr Mädchen als Jungen Dyskalkulie haben. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass hier einmal mehr die Zivilisation ihre Fingerchen im Spiel hatte. Mädchen trauen sich generell weniger in Mathe zu, selbst, wenn sie Spitzennoten schreiben, so wie ich früher einmal. Sie werden auch nicht so auf mathematisches und räumliches Denken von frühester Kindheit an getrimmt. Im Klartext heißt das, dass einige, wenn sie in die Schule kommen, andere Voraussetzungen haben als die anderen. Ich weiß, das ist keine bahnbrechende Erkenntnis, aber für mich heißt das zum Beispiel unsportliche Kinder müssten belohnt (ob mit Noten oder nicht, darüber kann man streiten) werden, wenn sie Fortschritte gemacht haben. Wieso soll das Kind, das schon immer im Sportverein war und deswegen schneller läuft als die anderen, sich im Grunde aber weder verbessert noch verbessern will besser benotet werden als das übergewichtige Kind, das sich extrem abmüht? Eine solche Vorgehensweise würde ungemein den Druck aus der ganzen Unternehmung Schule nehmen und die Motivation fördern. Dafür müssten die Kinder aber sehr individuell behandelt werden.

Genau dann würde aber auch auffallen, wenn ein Kind wie meine Nachhilfeschülerin noch zu einer Zeit mit den Fingern zählt, wenn andere Kinder dies schon längst hinter sich gelassen haben. Sie würde nicht drei Klassenstufen weitergeschleift, bis die Noten so schlecht sind, dass offensichtlich ist, dass hier gar nichts mehr verstanden wurde. Eben das wird aber von der Schule nicht geleistet, siehe das Zitat von Schipper. Den Lehrkräften kann man dies nicht wirklich vorwerfen, jedenfalls nicht grundsätzlich. Schließlich wünschen sie sich auch keine Klassen mit 25 Leuten. Aber sie könnten zumindest feinfühliger mit denjenigen umgehen, die eben Probleme haben. Ich habe sehr oft beobachtet, wie Lehrer_innen zu Hasspersonen* wurden, weil sie zusätzlich zu dem schon beim Kind aufgestauten Frust diesem auch noch Vorhaltungen machten. In Schippers Papier ist das an ‚Meikes‘ Klassenarbeit gut zu erkennen. Hier schreibt die Lehrerin unter die korrigierte Arbeit, die Aufgaben seien doch so lange geübt worden! und „Schade“. Ein weiterer Schlag in die Magengrube.

*Allerdings kenne ich auch sehr viele verständnisvolle und engagierte Lehrer_innen. Diese sollen hier bloß nicht unter den Tisch fallen.

 

Bildschirmfoto 2013-11-05 um 00.17.06Aufgabe aus Meikes Klassenarbeit, dem Schipper-Paper entnommen. Das Kind versucht mit einem bekannten Schema zu arbeiten, das es aber falsch einsetzt – vermutlich, weil nicht verstanden.

Mir ging es selbst in einem Fach so, wie vielen meiner Mitschüler_innen in Mathe (mal abgesehen von Sport, da hatte ich mich seit der ersten Klasse aufgegeben): Erdkunde. Ich erzähle öfter als Anekdote, dass wir in der sechsten und siebten Klasse viermal hintereinander einen Test schrieben, in dem man den Rhein in eine leere Deutschlandkarte einzeichnen musste. Ich habe es kein einziges Mal geschafft und empfand die immer wiederkehrende Aufgabe als reine Schikane. Ich hatte überhaupt kein Gefühl für Raumeinteilung auf Karten und fand es im Grunde auch uninteressant, wo der Rhein einen Schlängel nach rechts und wo einen nach links macht. Das gleiche gilt für das Einzeichnen von afrikanischen Ländern, mit denen ich nichts, aber auch gar nichts anfangen konnte.

Irgendwann später entdeckte ich meine Faszination für Räume von ganz allein, nämlich als ich anfing zu reisen (meine Eltern verreisen so gut wie nicht). Ich bin der Meinung, dass Kinder von selbst entdecken, wann etwas für sie Relevanz hat. Genau dann beginnen sie auch, sich intensiv mit der Materie auseinander zu setzen. Natürlich muss man sie in diesem Prozess unterstützen und Anleitungen geben, alles andere wäre vermutlich überfordernd. Ich frage mich, was aus meiner Nachhilfeschülerin würde, wenn man sie mit Mathe momentan entweder ein bisschen in Ruhe lassen oder ihr angemessene Aufgaben stellen würde. Alle anderen Fächer machen ihr Spaß. Wieso sollte sie ihre Zeit nicht mehr auf Physik verwenden und irgendwann ganz von allein darauf kommen, dass man für Physik auch Mathe braucht? Dann hätte sie auch direkt einen Zweck für die Rechnerei. Stattdessen sitze ich dort mit ihr und erkläre ihr anhand von Schokoladen- und Kuchenstücken Bruchrechnung. Natürlich ist das auch schon real (lecker Schokolade), aber eben doch auch meine Hilfskonstruktion um ein bisschen Kontext klar zu machen. Es ist nicht ihre Eigenmotivation.

Das ganze als Krankheit zu labeln ist daher meines Erachtens ebenfalls falsch, auch, wenn es im jetzigen Schulsystem eine Hilfskonstruktion sein kann um die Notenverbesserung auf Grundlage der indidviduellen Lernfortschritte zu erzwingen und vielleicht auch ein bisschen die Motivation zurückzugewinnen. Aber diese Kinder, zumindest diejenigen, die ich kenne, sind nicht krank. Ihnen fehlt in bestimmten Dingen die Vorstellungskraft, daran kann man arbeiten. Zudem ist die Definition, wie Schepper auf Seite 20 anmerkt, für Wissenschaft wie Therapie unbrauchbar, da sie nur auf Problembereiche, aber nicht auf das eigentliche Kernproblem und damit die Ursachenbehebung abzielt. Stattdessen sehe ich in dieser Etikettiererei vor allem eins:

Eine Erleichterung der Leistungsgesellschaft mitteilen zu können, dass das Kind nicht dumm oder faul sondern krank ist. Dafür kann man schließlich nichts. Die ‚Experten‘, die daran verdienen, freut’s.

 

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