momentaufnahmen

Jeden Tag schieße ich ein Foto, das ist der Plan. Nicht jedes Foto ist gut, aber auch nicht jeder Tag ist gut. Ein schönes Foto muss nicht zwangsweise eine gute Gefühlslage begleiten (und anders herum). http://365project.org/toinette/365

Zwei Welten

Es ist etwas passiert, aber ich weiß nicht was. Draußen rauscht der Bus mit Richtung Münchner Freiheit vorbei, drinnen rauschen die Gedanken mit Richtung dunkles Loch. Mein Körper ist nicht sicher, ob er existiert; meine Augen nicht, ob sie die Realität sehen oder ein 3D-Computerspiel. Wenn ich den Schlüssel in der Tasche spüre, ist er dann dort? Kaltes Metall, fest gedrückt, Schmerz in der Fingerkuppe, während ich die Wohnungstür hinter mir zuziehe um schnell vor

Balkon

Dreißig Zentimeter links und sechzig Zentimeter rechts von meinem Oberkörper ist Bambus am Gitter befestigt. Zehn Zentimeter vor meinen Füßen ist kein Gitter, darum auch kein Bambus, dort ist eine dicke Betonwand. An den Gittern und an der Betonwand hängen Blumenkästen. Ich sitze in meinem Sessel, den ich wie jeden Abend auf den Balkon getragen habe, rotes Polster unter mir, rote Decke auf mir und frage mich, was ich gerade mit meinem Leben mache. Wenn

Einer dieser Tage

Heute ist wieder einer dieser Tage. Es regnet seit dem Mittag, aber es könnte genauso die Sonne scheinen. Diesen Tagen ist das Wetter egal, sie brauchen keinen Anlass, um mein Hirn in undurchdringlichem Nebel verschwinden zu lassen. Draußen vor dem Fenster sind: der Baum, der derartig radikal beschnitten wurde, dass er wie tot aussieht; eine braune Biomülltonne, die in der engen Straße einen kurzzeitig freien Parkplatz blockiert; ein Plastikmüllsack am Zaun gegenüber. Jemand hat die

Zug

  Ich bin schon von Bremen bis Ingolstadt gekommen und niemand hat sich neben mich gesetzt. In Nürnberg ist die Gruppe ausgestiegen, die aus vielen Arzthelferinnen und einem Arzt mit Einzelplatz und Gleitsichtbrille bestand. Der Arzt stand immer so im Gang, dass niemand vorbei kam. Das ständige “Entschuldigung, könnte ich vorbei?” bekam er im ersten Versuch meist nicht mit. Irgendwann kehrte er resigniert zu seinem Einzelplatz zurück. Er hatte versucht sich in das Gespräch der

Auf dem Weg zur Wohnungstür

Ich liege im Bett. Wie jeden Abend fällt mir, gerade noch, bevor die Augen zufallen, ein, dass ich vorhin zu faul war das Rad hereinzuholen. Es könnte auch draußen stehen bleiben, denn es ist versichert, aber dann stände ich morgen früh mit verquollenen Augen vielleicht vor dem Straßenschild mit Bügelschloss ohne Fahrrad und müsste rennen, um noch pünktlich zu sein. Also muss ich jetzt noch raus, Jacke über den Schlafanzug, Treppen hinunter, alles still. Der

Zehn Kilometer München

Samstagmorgens um fünf Uhr dreiundzwanzig bin ich die einzige, die in Giesing vor dem Juweliergeschäft ihr Fahrrad vom Straßenschild entkettet und Richtung Schwabing fährt. Samstagsmorgens um fünf Uhr fünfundzwanzig fühlt sich Giesing nicht anders an als die Karl-Marx-Straße in Frankfurt (Oder). Hier und da fährt ein Taxi an mir vorbei, Menschen sehe ich keine. Noch nicht einmal die Taxifahrer. Samstag Morgen um fünf Uhr dreiunddreißig stelle ich mein Handyradio aus, weil es mich peinlich berührt,

Montag

Wenn die Tür der U-Bahn endlich aufgeht, sind drei Minuten Zeit, um über zwei Treppen auf den Platz zu kommen, auf dem der Bus abfährt. Das heißt: vorne in die Bahn einsteigen, um auch vorne an der Rolltreppe herauszukommen, vor den Langsamen, die sie gleich verstopfen werden. Dann die Stufen im Laufschritt hinauf eilen, am Service-Häuschen vorbei nach links, der Atem geht schwerer. Dann die Steintreppe hinauf. Oben steht meist schon der andere Bus, aber

Nachdenken über Gedenkstätten

Gedenkstein in Treblinka Ich erinnere mich schemenhaft an eine Klassenfahrt nach Benediktbeuern, die uns auch einen halben Tag “nach Dachau” führte. Dachau meinte natürlich die Gedenkstätte. Es war wolkig, vor mir lag dieser riesige leere Platz, Gebäude mit Gedenktafeln und überall Leute, Leute, Leute und die Anweisung im Kopf, dass wir uns nur unwesentlich später, vielleicht nach zwei Stunden, vielleicht nur nach einer, wieder am Eingang treffen sollten. Es war meine erste Gedenkstätte und ich

Neuanfang.

Manche Tage laufen so gut, dass sie kaum perfekter sein könnten – dennoch bin ich am Ende todtraurig. Heute war so ein Tag. Am Morgen wachte ich in einem mir noch fremdem Bett auf, duschte, packte meine Sachen und bekam von meiner Mitbewohnerin einen Milchkaffee gemacht, das Fahrrad und eine Umhängetasche geliehen und fuhr zur U-Bahn, mit dieser zum Historischen Seminar. Ich war gerade noch pünktlich, fast alle anderen auch, eine sympathische Gruppe, ambitioniert, interessiert.

Tränchen für Frankfurt (Oder)

Viele wollen so schnell wie möglich weg von hier, selbst, wenn sie noch nie da waren. Man tut der Stadt damit Unrecht und auch wieder nicht. Heute war ich in einem Haus, in dem das Dach zum Teil fehlte, weil es letzten Dezember gebrannt hat. Neben den verrußten und verkohlten Balken sah man in die Ferne auf die Stadt, grüne Bäume und den weiten Himmel. Frankfurt ist kaputt, aber manchmal hat man das Gefühl, als

Stadt in Watte

Watte in den Ohren macht den eigenen Atem hörbar, dennoch ist sie ein drückender Fremdkörper. Der Wattebausch der Stadt ist anders. Beiläufig, weicher, wie gesättigte Luft. Nachts holt sie ihn heraus, umschließt sich und mich, liebkost, flüstert, ich sei geborgen, weil ich ein Teil von ihr bin. Zu Beginn des letzten Winters war es nicht kalt, aber die Weihnachtsbeleuchtung hing bereits in sauberen Abständen die Karl-Marx-Straße hinunter, als ich mit dem Fahrrad über das endlose

Meine Geige und die Linkshändigkeit

Meine Eltern haben sehr früh erkannt, dass ich Linkshänderin bin und zum Glück nicht versucht mir den Stift in die rechte Hand zu drücken. Auch meine Grundschullehrerin fand es ganz normal, dass ich mit links schrieb. Die wirklich unschönen Geschichten kenne ich fast nur noch aus Zeiten meiner Großeltern: dass diese beispielsweise mit dem Rohrstock auf die Finger geschlagen wurden, wenn sie die “schlechte”  oder “schmutzige” Hand zum Schreiben oder Hände schütteln benutzen wollten. Tatsächlich

Uropa im goldenen Käfig?

Gestern war ich nach langer Zeit wieder einmal bei meinen Großmüttern. Zugegeben, ein halber Tag für jede ist nicht viel, aber zu Sarah habe ich es mal wieder überhaupt nicht geschafft, obwohl ich am Kölner Dom vorbei fuhr. Oma1 war in so guter Verfassung wie schon lange nicht mehr. Es ist normal, dass wir irgendwann während unserer Gespräche auf den zweiten Weltkrieg kommen, aber normalerweise verwechselte sie mich schon nach kurzer Zeit des Erzählens mit

Browserhistorie

Ab und an lösche ich meinen Browser-Verlauf, dennoch ist es sehr entlarvend für meinen Tagesablauf, welche Seite erscheint, wenn ich nur einen Buchstaben in meinen Browser eingebe. (gesehen bei Kaltmamsell) Es ist direkt ersichtlich, wo ich mich am meisten aufhalte, dass ich öffentliche Verkehrsmittel benutze, studiere und dass ich vermutlich ein Instrument spiele sowie irgendetwas mit Polen zu tun habe. Achja: und öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen nutze. A http://live.daserste.de/de/index.html#programm Nein, ich schaue kein Fernsehen. Naja,

Eine Entscheidung und ihre quälenden Gefährten

landschaftsbild

Sebastian Carl Christoph Reinhardt: Widok Kotliny Jeleniogórskiej, Muzeum Narodowe Wrocław Wohin soll die Reise gehen? Ich studiere im nunmehr 7. Semester Kulturwissenschaften mit einem starken Schwerpunkt auf osteuropäischer Geschichte. Mindestens einmal im Semester kehren sie wieder, die Zweifel und das Hadern. Ich gönne es mir nicht, einfach zu studieren und all das, was ich lerne, als interessant und meinen Horizont erweiternd zu begreifen. Denn ständig wird entweder real oder durch die Stimme in meinem Kopf

facebook

das schlechteste, was man tun kann wenn man krank ist, ist facebook zu öffnen und all die gestylten, gephotoshoppten und posierenden personen anzusehen, beim anblick der lebensläufe zu merken, was man in den vergangenen drei jahren studium versäumt oder einfach nicht geschafft hat – wenn man sieht, wie leicht anderen alles, alles von der hand zu gehen scheint. dass sie auch auf ihr umfeld gehört und etwas studiert haben, das klar in einen bestimmten beruf